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Pizzeria Anarchia akut räumungsbedroht

Die Pizzeria Anarchie, ein Hausprojekt in Wien, ist akut räumungsbedroht und mobilisiert zu einer Demonstration am 5. 2. Im Folgenden der Aufruf mit weiterer Erläuterung. Der Aufruf hat auch Punker-Street-Credibility angesichts der zahlreichen Rechtschreib- und Komma-/Beistrichfehler:

Dringender Aufruf zur Unterstützung und Solidarität

Pizzeria Anarchia ist ein Squat in Wien, das seit etwas mehr als zwei Jahren besteht. Nun ist es räumungsbedroht. Das gerichtlich beschlossene Datum, bis wann wir ausgezogen sein sollten, ist der 05. Februar 2014. Aber wir werden nicht gehen. Stattdessen rufen wir, an diesem Tag, auf zu einer Demonstration in Wien und Soliaktionen überall.

Da wir nicht gehen werden, werden die Hauseigentümer die Umsetzung des Gerichtsurteils durch die Polizei beantragen. Das wird warscheinlich einige Wochen dauern. Wenn sie sich ans Gesetz halten, müssen sie uns dann einen Brief schicken der das Räumungsdatum beeinhaltet. Trotzdem können wir uns nicht sicher sein, ob sie sich an dieses Datum halten.

Am Anfang ließen uns die Hauseigentümer rein. Dies taten sie nur aus dem Grund, wie auch vor Gericht zugegeben wurde, um die AltmieterInnen, die in zwei der Wohnungen mit regulären Mietverhältnissen seit Jahrzehnten leben, zu vertreiben. Das war von Anfang an klar, und bald fanden wir heraus, dass die zwei Hauseigentümer spezialisiert sind Häuser zu kaufen in denen nur noch wenige Menschen wohnen.

Diese Häuser sind im Vergleich billiger, vorallem wenn die Verträge unbefristet sind. Unter den herrschenden Gesetzen Wiens ist es sehr schwer die AltmieterInnen rauszubekommen, was aber nötig wäre um maximalen Profit aus dem Haus herauszuschlagen, indem man es renoviert und jede Wohnung individuell verkauft oder gleich das ganze Haus runterreisst. Im Fall der Pizzeria und anderen Häusern, die den gleichen Leuten gehören, waren Sabotage, psychischer Terror und extreme Vernachlässigung des Hauses, die Strategien um die Menschen herauszubekommen. Obwohl die zwei Eigentümer der Pizzeria besonders kreativ sind, ist das Vertreiben der Menschen aus ihrem Zuhause um Profit zu maximieren, eine verbreitete Praxis und logische Konsequenz von einem System basierend auf Privateigentum.

Zwei Jahre lang haben viele Menschen teilgenommen an der wöchentlichen PizzaVokü mit Diskussionen, Lesungen, Infoveranstaltungen, Konzerten, etc.; ein wöchentlicher Kinoabend, Workshops wie Buchbinden, Fahrradwerkstatt, Sprachkursen, Treffen für politische Aktivitäten. Wir haben hier gelebt, Freunde gefunden, Companeras und Verbündete.

Wir werden diesen Ort nicht aufgeben, wir werden uns wehren und wir brauchen jede Art von Unterstützung. Ihr könnt uns zu jeder Zeit besuchen kommen, uns helfen mit den Vorbereitungen für die Räumung. Organisiert Soliaktionen, informiert FreundInnen, bringt Material vorbei, checkt aktuelle Infos, und erscheint zahlreich zum Tag der Räumung! Wir werden das Datum auf unseren Blog und andere Kanäle stellen! Überlegt euch schon früher zu kommen und länger zu bleiben!

Checkt regelmässig unseren Blog und kontaktiert uns!

Gebt uns auch Bescheid über eure Struggles und wie wir euch unterstützen können!

Solidarität ist unsere Waffe!

 

Pizzeria Anarchia räumungsbedroht!

Wir bleiben!

Besetzt Häuser, lebt wild und gefährlich!

Wir bleiben alle!

Alle Infos und Übersetzungen des Aufrufs auch unter: http://pizza.noblogs.org/solidarity-call/

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Geht’s noch, Herr Bierl? – Eine Klarstellung

Dieser Text ist eine Klarstellung gegenüber dem Dossier "Der Geheimbund der Revolutionäre" von Peter Bierl, welches in der Nr. 47 2013 der Jungle World erschienen ist. [Anm. d. Red.]

Diese Zeilen folgen als Antwort auf eine freundliche Anfrage, nachdem in der Wochenzeitung Jungle World ein gewisser Peter Bierl meine Person in die Nähe des so genannten „Anarchokapitalismus“ gerückt hatte. Mein inneres Bedürfnis jedoch, die publizistischen Ergüsse eines Herrn Bierl zu kommentieren, hält sich seit geraumer Zeit in Grenzen, und das kam so: Ich arbeitete vor rund 20 Jahren an einer Theoriegeschichteserie des Hamburger Wochenblattes „Die Zeit“ mit. Herrn Bierl gefielen meine damaligen Ausführungen über Silvio Gesell scheinbar wenig, sodass er einen Leserbrief an die Redaktion der Zeit schickte. Diese verzichtete auf eine Veröffentlichung des Briefes, dessen Inhalt eine völlig undifferenzierte Herangehensweise offenbarte. Ich antwortete Herrn Bierl, indem ich ihm in einem Schreiben freundlich, höflich und respektvoll meine Sicht der Dinge darlegte. Darauf gab es keinerlei Reaktion. Stattdessen erschien in dem Blatt ÖkoLinX ein von Bierl verfasster Artikel mit dem Titel „Der rechte Rand der Anarchie“, in dem er mir ein gefälschtes Zitat unterschob. Nachdem aber der Schaden in meinem Umfeld gering ausfiel, innerhalb der Scientific Community bewegen sich die Publikationen des Herrn Bierl unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, ließ ich die Sache einfach auf sich beruhen.

Seiner hartnäckigen verfolgenden Art entsprechend – Herr Bierl führt seit Jahren einen erfolglosen Kampf gegen die KritikerInnen des Finanzmarktkapitalismus –, hat er sich kürzlich wieder meiner Person zugewandt, um mich nun in einem völlig anderen Bereich des politischen Spektrums neu zu verorten. In der Ausgabe der Jungle World vom 21. November 2013 meldet er: „In den Büchern von Trojanow, Degen und Knoblauch fungiert stets Gerhard Senft als Experte für anarchistische Ökonomie. Der Gesellianer, der am Wiener Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte lehrt, glaubt trotz der Billionenbeträge, die monetärer Ausdruck einer Überakkumulation von Kapital sind, an eine Geldknappheit. Darum wirbt er, ähnlich wie die ‚Partei der Vernunft‘ und Ron Paul, für eine ‚Geldanarchie‘. Anstelle des staatlichen Geldmonopols soll jeder beliebig Geld herstellen und in Umlauf bringen können. Das ist jener Anarchokapitalismus, dessen Existenz Graeber nur leugnen kann, weil er Marktwirtschaft und Kapitalismus für fundamental verschieden hält.“ Woher Herr Bierl seine Gewissheiten nimmt, ist mir ein Rätsel. Er scheint von meiner Publikationstätigkeit kaum etwas zu kennen, weder meine Goldscheid-Interpretationen noch mein Buch zur Kritik des Grund und Boden-Eigentums („Land und Freiheit. Zum Diskurs über das Eigentum an Grund und Boden in der Moderne“, Promedia Verlag 2013). Zudem gehöre ich dem Proponenten-Komitee österreichischer ÖkonomInnen zur (Wieder-)Einführung einer Erbschaftssteuer an. Alles in allem also lassen meine Aktivitäten und Denkansätze die Schlussfolgerungen eines Herrn Bierl in keiner Weise zu.

Nicht einmal die von ihm selbst angeführten Werke scheint er vollständig zu lesen, sonst würde er über meine Abgrenzungen gegenüber radikal(wirtschafts)liberalen und anarchokapitalistischen Programmen Bescheid wissen. Zum Nachlesen also, Herr Bierl, aus dem von Ihnen zitierten Buch von Degen/Knoblauch: „Mitte der 1970er Jahre erschien James M. Buchanans Buch ‚Limits of Liberty. Between Anarchy and Leviathan‘, etwa zeitgleich trat Robert Nozick mit seinem Werk ‚Anarchy, State and Utopia‘ hervor, in dem er einen Minimal- bzw. Nachtwächterstaat zu begründen versucht, der sich auf den Schutz der Rechte und des Eigentums seiner Bürger beschränkt. Argumentativ vertritt Nozick darin u. a. die Position, dass jede mittels freien und einvernehmlichen Austauschs zwischen mündigen Personen herbeigeführte Verteilung von Gütern gerecht sei, selbst wenn durch diesen Prozess gravierende Ungleichheiten und somit auch Machtdifferenzen entstehen. Mit dem klassischen Anarchismus hatte all dies nicht mehr das Geringste zu tun. In Wahrheit handelt es sich bei Buchanan und Nozick um konservative Ideologen, ebenso wie bei dem 1976 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichneten Milton Friedman, der uns auf diversen Internetforen bis heute als ‚liberaler Anarchist‘ präsentiert wird. … Durchaus ähnlich gelagert erscheinen die Dinge im Fall des so genannten Anarchokapitalismus. Hierbei handelt es sich um eine sozialphilosophische Konzeption, die für einen freien Markt, für das Privateigentum und für freiwillige vertragliche Bindungen innerhalb der Gesellschaft eintritt, wobei staatliche Institutionen und Eingriffe ausgeschlossen sind. Der Begriff Anarchokapitalismus geht auf den nordamerikanischen Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen Murray N. Rothbard zurück, der Elemente des klassischen Liberalismus, der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und der Programmatik der US-Libertarians zu verbinden versucht. Im Zentrum der Herrschaftskritik Rothbards – der sich selbst als ‚Right-Wing Intellectual‘ definiert – steht der Staat, sonstige gesellschaftliche Machtverhältnisse spielen bei ihm nur eine untergeordnete Rolle. Rätselhaft bleibt die Konnotation dieser oder ähnlicher Theoriegebilde mit dem Begriff des Anarchismus. Aber vielleicht stand nur das Vorhaben im Raum, einer inzwischen endlos abgeleierten wirtschaftsliberalen Kennmelodie ein paar wuchtige ‚Beats‘ hinzuzufügen, um damit ein dynamischeres Erscheinungsbild zu erzeugen … Die ‚anarchokapitalistische‘ Position passte ideologisch jedenfalls ausgezeichnet in die Umbruchszeit der späten 1970er Jahre, in die Phase der krisenhaften wirtschaftlichen Entwicklungen, in der ‚keynesianische‘, also interventionistische wirtschaftspolitische Bewältigungsversuche nicht mehr so richtig zu greifen schienen.“

Nun zur Aufklärung über das Konzept der autonomen Geldschöpfung: AnarchistInnen haben bekanntlich das Ziel, innerhalb überschaubarer sozialer Einheiten über ihre eigenen Angelegenheiten selbst bestimmen und diese auch entsprechend regeln zu können. Das Konzept der autonomen Geldschöpfung ist damit genuin anarchistisch, und das nicht erst seit heute, wie die Publikationen eines Benjamin R. Tucker oder eines William B. Greene eindrucksvoll zeigen. Eine zentral gesteuerte und hinter undurchsichtigen Glasfassaden ausgemauschelte „Geldpolitik“ abseits der gesellschaftlichen Bedürfnisse jedenfalls lehnen AnarchistInnen aus guten Gründen ab. Doch bereits im Hinblick auf basale ökonomische Zusammenhänge erweist sich Herr Bierl als ahnungslos, wenn er meint, dass eine Geldknappheit bei gleichzeitiger Überakkumulation unmöglich sei. Das in Offshore-Plätzen geparkte Geld (Experten schätzen das Kapitalvolumen auf 21 bis 32 Billionen US-Dollar) ist an der Realwirtschaft vorbeigeschleust, Finanzinstitute müssen heute mit nicht gerade üppig vorhandenem Steuergeld „gerettet“ werden, Konsumtätigkeiten werden vom Angstsparen abgelöst, Banken geizen bei der Kreditvergabe und staatliche Sparprogramme vermindern die Spielräume der gesamten Wirtschaft von Tag zu Tag. Ernstzunehmende ÖkonomInnen warnen heute zu Recht vor einer Deflationsgefahr. Die wachsende Verunsicherung führt dazu, dass sich heute Menschen vermehrt alternativen Währungssystemen zuwenden. Was soll eigentlich so schlimm daran sein, wenn sich gegenwärtig etwa auf Sardinien kreative Köpfe mit der Einführung einer Komplementärwährung namens Sardex beschäftigen und darin ein Rezept gegen die Folgen der Euro- und Bankenkrise sehen (vgl. http://derstandard.at/1381373591951/Auf-Sardinien-rollt-statt-des-Euro-der-Sardex). Natürlich können die Bitcoins, die Altcoins, die Litecoins usw. auch kritisch betrachtet werden, dann aber bitte mit möglichst stichhaltigen Argumenten und nicht mit billigen Anwürfen.
Wie ich aber Herrn Bierl kenne, wird er sich weiter ignorant verhalten und in seiner Ordnungs- und Schubladisierungswut demnächst den Begriff „struktureller Anarchokapitalismus“ erfinden und damit letztlich wieder mit sich im Reinen sein. – Wirklich überzeugen wird er damit aber nur wenige.◄

Verschlafen wir die erneut aufkommende Pogromstimmung?

Über eine offene politische Liste in Göttingen ging folgende Nachricht der Gruppe "Rassimus tötet! Göttingen":

Mit unserer bundesweiten Kampagne „Rassismus Tötet! durch Pogrome – Asylgesetz –  Abschiebung -Geistige Brandstiftung“ haben wir versucht, den Opfern rassistischer Gewalt zu gedenken und den hiesigen rassistischen Diskurs zu beeinflussen. Auf dass eine erneute Pogromstimmung wie in den neunziger Jahren nicht noch einmal in den Medien und Köpfen entbrennt. Doch gerade als wir unsere zweijährige Kampagne für beendet erklären wollten, bewies die deutsche Mehrheitsgesellschaft, dass sie scheinbar doch aus der Vergangenheit gelernt hat: Der Protest gegen die Asylbewerber_Innen hat schon damals insofern Früchte getragen, als dass er vielen Politiker_Innen als hinreichende Legitimation gedient hat, das Grundrecht auf Asyl abzuschaffen.

In vielen großen Städten sowie kleinen Orten in Deutschland wird seit Anfang des Jahres erneut der „Protest“ gegen geplante oder bereits bestehende Asylbewerber_Innenunterkünfte laut. Als Beispiel sind hier nur Berlin Hellersdorf, Duisburg, Leipzig, Greiz oder Schneeberg zu nennen. Organisierte Neonazis waren in vielen Fällen Initiator_Innen der volksverhetzenden Aufmärsche. Die Ressentiments der „Protestierenden“ sind dabei die gleichen geblieben wie die der Volksmobs der neunziger Jahre. Seit Anfang des Jahres wurden mindestens sieben Brandanschläge auf Asylbewerber_Innenunterkünfte, teils mit Verletzten, verübt. Man sollte annehmen, dass die Linke aus dem eigenen Versagen in den 90er Jahren Schlüsse gezogen hätte und nun auf diese erstarkende lebensbedrohliche Situation für Migrant_innen reagiert. Doch davon sehen wir nicht viel.

Wir fragen uns wie es sein kann, dass in Zeiten, in denen unserer Meinung nach Solidarität zeigen und direkte Aktionen an der Tagesordnung sein müssten, immer noch nicht die Notwendigkeit gesehen wird sich an einem Samstagmorgen nach Friedland (MV), Greiz oder eben Duisburg zu bewegen. Wir fragen uns, ob uns vorgeworfen werden könnte die Lage über zu bewerten oder zu dramatisieren? Ob das nötige Bewusstsein, jetzt Handeln zu müssen, fehlt. Ob unsere Mobilisierung nach Duisburg zu wenig Eventcharakter verspricht, oder ob das einfach nicht in die Wochenendplanung vieler passt. Wir verstehen, dass es stressig und anstrengend sein kann, zwei Wochenenden hintereinander auf Demos zu fahren. Doch auch für uns ist es stressig, ermüdend und frustrierend ständig die nötigen finanziellen Mitteln zu beschaffen  und dann vor einem leeren Bus zu stehen.
Anfangs wurde der Göttinger Ableger von Rassismus Tötet! Noch von vielen Gruppen mitgetragen. Wie das immer so ist haben sich nach und nach die Gruppen aus vielfältigen Gründen aus dem Bündnis zurückgezogen. Unterschiedliche Prioritäten oder Kapazitätenmangel können sicher als einige der Gründe genannt werden. Aber angesichts der bedrohlichen Stimmung ist es vielleicht an der Zeit die eigenen Prioritäten oder die eigene Ausrichtung zu überdenken. Nicht nur lokal sollte sich zusammengesetzt werden um adäquate Konzepte, Notfallpläne, vielleicht einfach ein gemeinsames Vorgehen zu erarbeiten. Auch die großen bundesweiten Bündnisse sollten beginnen auf aktuelle Ereignisse zu reagieren und ihr Mobilisierungspotential, falls vorhanden, ausschöpfen.

Lasst uns gemeinsam diese Schockstarre überwinden und in die Offensive gehen. Gegen organisierte Nazis, die neue Rechte und den deutschen Volksmob.

Rassismus Tötet Göttingen

 

Mir scheint diese Nachricht nicht nur für Göttingen relevant, sondern deutschland-, ja  sogar europaweit akut. Wer sich von der Progromstimmung ein Bild machen möchte kann etwa in die noch aktuelle Jungle World hineinlesen: http://jungle-world.com/artikel/2013/45/

Auch auf der bundesweiten Kampagnenseite von "Rassismus tötet!" finden sich Informationen: http://rassismus-toetet.de/

Um mit einem Zitat von Max Stirner abzuschließen: "Volksglück ist – mein Unglück"

UPDATE: In der darauf folgenden Jungle World wurde ein Beitrag veröffentlicht, der das Aufkochen einer neuen Pogromstimmung in Frage stellt: http://jungle-world.com/artikel/2013/46/48804.html

UPDATE II: In der darauf folgenden darauf folgenden Jungle World wurde ein weiterer Beitrag veröffentlicht, der die Parallele zu den 90ern in Frage stellt und die Gründe für die Behauptung eines solchen beleuchtet: http://jungle-world.com/artikel/2013/48/48914.html

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Über clowneske Leninisten, den Biedermeier-Stalinismus und die autoritäre Versuchung

Es hat etwas unfreiwillig Komisches, wenn Slavoj Žižek (zusammen mit Costas Douzinas) im Vorwort des Sammelbandes Die Idee des Kommunismus (Band 1) davon spricht, dass die „Linke, die sich mit dem ‚real existierenden Sozialismus’ verbunden hatte, (…) verschwunden oder zu einer historischen Kuriosität geworden“ sei (Žižek/Douzinas 2012: S.10). Denn wie Žižek z.B. in "Die Revolution steht kurz bevor" oder unlängst in "Die bösen Geister des himmlischen Bereichs" unter Beweis gestellt hat, ist er selbst ein wunderbares Beispiel für die Lebendigkeit solcher Kuriositäten. Wie gewandt man sich auch ausdrücken mag, wie wundervoll man von Foucault zu Lacan, zu Deleuze und wem auch immer springt, letztlich bleiben nur altbekanntes: „Revolutionäre müssen geduldig auf den (meist sehr kurzen) Moment warten, in dem das System offensichtlich versagt oder zusammenbricht; dieses kleine Zeitfenster müssen sie nutzen, die Macht an sich zu reißen, die in diesem Moment sozusagen auf der Straße liegt und greifbar ist, und diese Macht dann festigen, repressive Apparate aufbauen usw., so dass es, wenn die Verwirrung vorüber und die Mehrheit ernüchtert und vom neuen Regime enttäuscht ist, zu spät sein wird, um es wieder loszuwerden, weil es bereits fest verankert ist.“ (Žižek 2011: S.298f.) Wie nun die breite Rezeption seiner Schriften zeigt, sind solche vermeintlichen Kuriositäten keineswegs zu vernachlässigende Randerscheinungen im gegenwärtigen Diskurs der Linken. Nun ist die Sache bei Žižek vielleicht nicht ganz so klar und ein Großteil seiner Popularität mag gerade darin begründet sein, dass man ihn im Grunde nicht so recht ernst nimmt. Aber vielleicht sollte man ernst nehmen, was er selbst schrieb: „Auch wenn Berlusconi ein würdeloser Clown ist, sollten wir daher nicht zu sehr über ihn lachen – vielleicht spielen wir nämlich dadurch schon sein Spiel mit.“ (Žižek 2011: S.256)

Repräsentiert jedenfalls Žižek die postmoderne Möglichkeit des Leninismus – in stetem Zusammenspiel mit seinem Kollegen Badiou, der anscheinend immer noch seinen jugendlichen Illusionen über Maos Kulturrevolution nachhängt und diese mit schwammigen Sentenzen über die „Treue zum Ereignis“ schönredet – so flankiert Domenco Losurdo diese Rückkehr zum Altbekannten in der Rolle des Biedermeier-Stalinisten. In Stalin – Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende – einer „beispiellose[n] Weißwaschung des Stalinismus“ (Hanloser 2012: S.30) – zeichnet er das Bild eines putzig väterlichen Stalins, der sich um Ruhe und Ordnung sorgte und dabei halt auch mal – wie die Žižek’schen Revolutionäre – der Mehrheit einen vor den Latz knallen muss. Da Hanloser alles Wesentliche zu diesem Buch geschrieben hat, braucht an dieser Stelle nicht näher darauf eingegangen werden.

Warum aber nun Losurdo mit Žižek in Verbindung bringen? Weil beide eine im Grunde ähnliche Stimmung in den linken Diskurs einbringen. Wo bei Žižek die Zeit der „Zerknirschung und Selbstkasteiung“ vorüber ist (Žižek/Douzinas 2012: S.10), wendet sich Losurdo gegen die „Plage des Selbsthasses“ innerhalb der Linken (Losurdo 2009: S.10). Beide scheinen von einer ungeheuren Sehnsucht danach getrieben, wieder wer zu sein. Und das ist bei beiden mit der Verbreitung von Furcht verbunden. Bei Losurdo äußert sich das in seiner Trauer über das Vergangene – Stalin nämlich ließ die Welt noch erzittern und besaß überdies das Renomé eines gestandenen Staatsmannes: „Wenn ‚Times’ 1944 Stalin übrigens zum ‚Mann des Jahres’ ernannte, so muss es doch wohl einen Grund dafür geben“ – bringt Luciano Canfora – Losurdos Bruder im Geiste – im Nachwort von Losurdos Stalin-Buch diese atemberaubende Logik auf den Punkt (in: Losurdo 2012: S.409). Žižek der Dandy-Leninist schert sich um solcherart Anerkennung natürlich nicht, und setzt stattdessen vollständig auf eine „Politik des revolutionären Schreckens“ (Žižek 2011: S.121), welche die Welt wieder in Angst und Schrecken versetzt. Das von Errico Malatesta aufgeworfene Problem scheint jedenfalls weiterhin zu bestehen: „Es gibt noch immer Menschen, die von der Idee des Terrors fasziniert sind, denen Guillotine, Erschießungskommandos, Massaker, Deportationen, Galeeren (Galgen und Galeeren, wie mir kürzlich einer der bekanntesten Kommunisten sagte) machtvolle, unerläßliche Waffen der Revolution zu sein scheinen und nach deren Auffassung viele Revolutionen deshalb niedergeschlagen wurden und nicht zum erwarteten Ergebnis führten, weil die Revolutionäre in ihrer Güte und Schwäche die Gegner nicht genügend verfolgt, unterdrückt, massakriert haben. Dies ist ein in gewissen revolutionären Kreisen verbreiteter Irrglaube, der seinen Ursprung in der Rhetorik und den Geschichtsfälschungen der Apologeten der Französischen Revolution hat und in der letzten Zeit von der bolschewistischen Propaganda verstärkt wurde. Aber das genaue Gegenteil ist wahr: Terror war stets Werkzeug der Gewaltherrschaft.“ (Malatesta 1924: S.171)

Christoph Jünke, der vehement gegen den „Neo-Stalinismus“ von Losurdo und Canfora Stellung bezog (Jünke 2007a), hat beim Marxisten Leo Kofler eine klassische Regression an dessen Lebensende diagnostiziert, da sich dieser – seine alten anti-stalinistischen Einsichten ignorierend – „von der eigenen Ohnmacht und der Macht der anderen dumm machen“ ließ (Jünke 2007b: S.656). Gerade einer solchen Regression zu entgehen, hatte Adorno als eine „fast unlösbare Aufgabe“ bezeichnet (Adorno 1951: S.63). Mögen wir, aller Rückschläge zum Trotz, die Souveränität besitzen, dieser Versuchung immer wieder aufs Neue zu widerstehen.

 

Literatur

Adorno, Theodor W. (1951): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2003.

Hanloser, Gerhard (2012): Nihilistisches Weißwaschen. Der Philosoph Domenico Losurdo versucht sich an einer absurden Ehrenrettung Stalins, in: a&k. Nummer 576. S.30.

Jünke, Christoph (2007a): Der lange Schatten des Stalinismus. Sozialismus und Demokratie gestern und heute. Köln: Neuer ISP Verlag, 2007.

Jünke, Christoph (2007b): Sozialistisches Strandgut. Leo Kofler. Leben und Werk (1907-1995). Hamburg: VSA Verlag.

Losurdo, Domenico (2009): Flucht aus der Geschichte? Die kommunistische Bewegung zwischen Selbstkritik und Selbsthass. Essen: Verlag Marxistische Blätter.

Losurdo, Domenico (2012): Stalin – Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende. Köln: PapyRossa Verlag.

Malatesta, Errico (1924): Revolutionärer Terror, in: ders. Gesammelte Schriften. Band 2. Berlin: Karin Kramer Verlag, 1980. S.170-173.

Žižek, Slavoj (2011): Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Frankfurt am Main: Fischer Verlag.

Žižek, Slavoj/Douzinas, Costas (2012): Vorwort: ‚Die Idee des Kommunismus’, in: dies. (Hg.). Die Idee des Kommunismus. Band 1. Hamburg: Laika Verlag. S.9-12.

Wissenstransfer nach zapatistischer Art

Der Wissenstransfer politischer Bewegungen insbesondere nach außen ist von zentraler Bedeutung, allzuoft müssen Erfahrungen parallel gemacht werden und kommen doch in kein allgemeines Bewusstsein. Die zapatistische Bewegung hat dafür das Projekt der kleinen zapatistischen Schule institutionalisiert in Rahmen dessen solidarischen Interessierten ein Einblick gegeben wird. Teilweise geschieht dies auch über die Kontinentalgrenzen hinweg per Videokonferenz. Dazu habe ich dankenswerter Weise folgenden Bericht zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt bekommen:


1. Teil
Solidarische Grüße aus Madrid, wo ich an der kleinen zapatistischen Schule per Videokonferenz teilnehme.
Zunächst: Gestern wurde ein Comunicado des CCRI veröffentlicht, in dem sie berichten, das Militärflugzeuge zapatistisches Gebiet überflogen haben. Comandante Tacho hat es im CIDECI, San Cristobal vorgetragen - hier das Audio und unten die deutsche Übersetzung (inkl. Link auf das ganze in Textform und in Spanisch): http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2013/08/14/comunicado-del- ccri-cg-del-ezln-avisan-de-sobrevuelos-de-aviones-militares-en-la-zona-de-los-5-caracoles/
Wir werden Morgen (heute ist hier Dia de la Virgen = Maria Himmelfahrt = Feiertag) zur mexikanischen Botschaft gehen und ein Protestschreiben gegen die Überflüge einreichen. Vielleicht will ja jemand unter euch auch was machen.
Die "Lerneinheiten" per Videokonferenz sind sehr toll. Auch es hier in Madrid mit 10-15 Leuten zusammen zu schauen, ist sehr schön. Wir schauen die Übertragungen um 14 Uhr mexikanischer = 21 Uhr madrileñer Zeit (die andere ist um 21 Uhr Mexiko, 4 Uhr Madrid), die immer so etwa 2 Stunden dauern, dann gibt es eine Pause von 20-40 Minuten, in der alle Teilnehmenden per Chat Fragen stellen können, die die Compas dann in einer weiteren Schaltung (von 30-60 Minuten) beantworten. Es sind immer die selben 6 Zapatistas, 3 Frauen, 3 Männer, alle erscheinen recht jung, also so zwischen 20 und 35, die gemeinsam und mit Pasamontañas vermummt an einem Tisch sitzen. Auf dem Tisch Bohnen, Maiskörner, Blumen, vorne dran ein nettes Plakat der Kleinen Schule und im Hintergrund an einer Lehm-Wand EZLN-Fahne und mexikanische Fahne, sowie Maiskolben in blau, gelb und rot, Macheten usw. Thematisch war am ersten Tag "Autonomie" bei dem wir noch starke technische Probleme hatten und ich so nur einen Teil mitbekommen habe), am 2. Tag "Der Kampf der zapatistischen Frauen" und gestern "Widerstand" Thema - heute folgt "Gerechtigkeit" und am Freitag "Demokratie". Die Compas wechseln sich ab und erzählen an Hand von ihren Notizen zu den einzelnen Themen, jeder jeweils so ca. 5-15 Minuten, dann ist ein_e andere_r dran. Sie berichten dabei über ihre Praxis, ihre Ideen dahinter, analysieren, geben Beispiele, nennen manchmal Probleme.
Inhaltlich ist es für mich nicht besonders viel Neues, einige Details schon, aber im Großen und Ganzen kenne ich vieles schon - insbesondere auch aus den Comunicados, die seit Dezember rausgekommen sind. Für andere, die noch wenig über die Zapatistas wissen oder nur den Aufstand und die ersten Jahre der zapatistischen Rebellion wegen ihrer großen medialen Präsenz mitbekommen haben, ist aber sicher auch inhaltlich sehr viel von dem Berichteten sehr spannend und neu. Beeindruckend ist vor allem und auch für mich die Einfachheit und Klarheit, mit der sie über ihre Ideen, ihre Praxis, die Probleme reden und mit der sie ebenso die Strategien der mexikanischen Regierung und des kapitalistischen Systems analysieren - auch der Mut und die Stärke, die immer mitschwingt, ohne pathetisch zu klingen. Außerdem ist beeindruckend, wie weit sie schon gekommen sind, wenn man es in der Fülle und Dichte und von ihnen selbst berichtet bekommt - insbesondere beim "Kampf der Frauen" war ich sehr beeindruckt über ihre Selbsteinschätzung und ihre extrem großen "Fortschritte".

2. Teil
Hier nun auch noch ein kurzer Bericht über die letzten beiden Tage der kleinen Schule per Videokonferenz und ein paar allgemeinere Reflexionen/Zusammenfassungen: An den letzten beiden Tagen ging es Donnerstag um "Justicia" - also um ihr System der autonomen Rechtsprechung, aber auch ihr Verständnis und ihre Praxis von Gerechtigkeit, und Freitag um "Democracia" also um ihre Praxis der Basisdemokratie. An diesen beiden Tagen gab es auch mehr Neues für mich (und die anderen, die sich schon länger mit den Zapatistas beschäftigt haben): Sie gaben viele Beispiele über ihre Praxis in Rechtsprechung und Regierungsführung, erklärten sehr genau ihr Verständnis von beiden anhand ihrer Praxis und dieser Beispiele. Nicht klar war mir auch, dass sie in den Vollversammlungen nicht per Konsens entscheiden, sondern per Abstimmung: Also sie diskutieren die verschiedenen Vorschläge/Ideen und stimmen dann irgendwann ab. Und dann wird zunächst der Vorschlag umgesetzt, der die meisten Stimmen erhalten hat - und wenn der nicht (gut) funktioniert, der mit den zweitmeisten Stimmen usw. - dazu meinten sie auch, man könne ja nicht ewig diskutieren und müsse müsse ja auch irgendwann mal praktisch loslegen (eigentlich sehr typisch zapatistisch).
Wie schon an den anderen Tagen war es beeindruckend, dass sie sehr klar und einfach erklärt haben, was sie am staatlichen/kapitalistischen System stört, was dort falsch läuft und wie sie es anders machen. Auch war toll, noch mal ganz klar zu sehen: Dort existiert eine andere Welt, sie wird täglich gelebt und funktioniert - sogar recht gut - und sie ist in den letzten 20 Jahren gewachsen und gereift. Auch sie haben öfter betont: Wir haben 520 Jahre Ausbeutung und Unterdrückung erlebt, nun haben wir in 20 Jahren schon einiges geschafft, sind auf einem guten Weg... aber es fehlt auch noch ein gutes Stück (u.a. haben sie am Donnerstag gesagt, es wäre gut, wenn sie ein richtiges autonomes Gefängnis hätten, wo schwere Straftäter_innen auch mal für ein paar Monate eingesperrt sein könnten).
Generell und an allen Tagen betonten sie immer wieder, wie wichtig es ist, sich zu organisieren. Daneben betonten sie als zentrale zapatistische Gesetze (die als einzige in allen zapatistischen Territorien gültig ist) die 7 Prinzipien des gehorchenden Bestimmens (dienen und nicht sich bedienen, vertreten und nicht niedertreten, aufbauen und nicht zerstören, gehorchen und nicht bestimmen, vorschlagen und nicht aufzwingen, überzeugen und nicht besiegen, hinuntergehen und nicht aufsteigen). Immer wieder kam ihr Pragmatismus und ihr Selbstbewusstsein durch: Wir diskutieren, was das beste ist, und dann machen wir es, ziehen es durch - dazu brauchen wir die Regierung nicht. Ebenso wenn im 2. Teil des Abends die Fragen per Chat von den Schüler_innen gestellt wurden: Oft kamen Fragen à la: Wenn der und der Fall eintritt, was macht ihr dann? Ihre Antwort: Keine Ahnung - den Fall hatten wir bisher noch nicht, wenn er auftritt, dann diskutieren wir das und finden eine Lösung. Wir haben noch keine Antwort auf alles, solange wir gemeinsam und organisiert sind und die 7 Prinzipien befolgen, finden wir ne gute Lösung...
Einzig, dass am Ende doch ein paar der 6 Compas (die sich schließlich an einem Abend - auf Bitte der Schüler_innen - auch mit Namen vorgestellt haben) etwas dominiert haben (v.a. Männer), während ein andere weniger beitragen konnten, war ein bisschen schade. Aber es war wirklich eine tolle Erfahrung, die ich noch gar nicht so richtig verdaut habe - ich habe auf jeden Fall eine Menge Ideen und Motivationen mitgenommen! ... dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.

 

Mehr Informationen auf Spanisch: http://www.tierraylibertad.org/index.php/category/ke-es-la-libertad-a-segun-los-zapatistas/

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"Fetzen kritischer Theorie in Zeiten konstitutiver Überflüssigkeit"

An dieser Stelle möchte ich gerne einen Vortrag von Arne Kellermann verlinken. Nun sind die Berührungspunkte zwischen Kritischer Theorie, im Anschluss an Adorno und Horkheimer, und Anarchismus zwar vorhanden, aber seltsam missachtet. Ich habe den Eindruck, dass von einem Verhältnis wechselseitiger Ignoranz geschrieben werden könnte.

Über Arne Kellermanns Vortrag "Fetzen kritischer Theorie in Zeiten konstitutiver Überflüssigkeit" zu sagen, er habe einem_r gefallen, wäre obszön, soviel wird im Vortrag selbst deutlich. Hoffentlich ist es akzeptabel zu zugeben, er habe beim Zuhören einen starken Eindruck hinterlassen, weil er, meines Erachtens, Kritische Theorie auf eine Spitze bringt, auf der es sich keineswegs angenehm sitzt.

Der Vortrag kann auch als mp3 vom audioarchiv-Blog downgeloadet werden: http://audioarchiv.blogsport.de/2013/06/22/fetzen-kritischer-theorie-in-zeiten-konstitutiver-ueberfluessigkeit/

Wer sich mit Kritischer Theorie noch nicht oder wenig auseinandergesetzt hat, sollte vielleicht zuerst mit folgendem Beitrag beginnen: http://audioarchiv.blogsport.de/2013/06/16/ueberlegungen-zur-kritischen-...

Dieser Blog stellt im übrigen neben einer umfangreichen und empfehlenswerten Auswahl von Vorträgen zu Kritischer Theorie auch einige zu Anarchismus zur Verfügung.

Der Ankündigungstext zu Arne Kellermanns Vortrag:

Soll (kritische) Theorie zumindest die Spuren einer aufgehobenen Agitation an sich tragen – den Stachel des Widerstandes sich nicht selbst abbrechen; soll sie trotz aller Ohnmacht des Einzelnen sowie der Verstelltheit von Praxis doch den Charakter des Eingriffs nicht ganz verlieren, so ist sie wesentlich angewiesen auf eine Reflexion des geschichtlich-konkreten Konstitutionszusammenhangs der Gesellschaft und der zeitgenössischen Formen des Überlebens.

Problematisch wird diese Reflexion auf die konstitutive Objektivität zu einem Zeitpunkt, in dem die vollkommene Überflüssigkeit eines jeden Individuums zur unhintergehbaren Grundlage des gesamten Erfahrungshorizonts geworden ist: während der fortherrschende Hunger in den Elendsregionen dieser Welt sowie das qualvolle Verenden in jenen Regionen solche Überflüssigkeit von »Menschenmaterial« unmittelbar bewusst werden lässt und deswegen nicht zu sehr ins Bewusstsein eindringen darf; während die unendlich angewachsene Überflüssigkeit derjenigen, die für einen Hungerlohn bereit sind – oder gewaltvoll gezwungen werden –, ihre leibliche Existenz der materiellen Produktion von Schund und Ungenießbarem zu opfern, das dann andernorts lusttötend konsumiert wird; während sich die Überflüssigkeit sogar derer, die bereit sind nicht nur ihre Arbeitskraft zu verwursten, sondern selbstvergessen auch ihre Überbleibsel von lebendigem Impuls – letztlich jede Form von Hoffnung auf Glück – in der Produktion von synthetischem Sinn abzutöten, sich an deren wahnhafter Selbstanpreisung ablesen lässt; – in einem solchen Zusammenhang würde eine Formulierung Adornos negativ an den zu durchschlagenden Bann erinnern, dessen Auflösung kritische Theorie inhaltlich antreibt: »Zart wäre einzig das Gröbste: daß keiner mehr hungern soll.«

In einem historischen Zustand, in dem der Zusammenhang zwischen dem elendigen Krepieren von Menschen und der Sinnlosigkeit des eigenen Lebens so durchsichtig geworden ist, dass jede ernsthafte Beschäftigung mit einem beliebigen – auch geistigen – Gegenstand innerhalb kürzester Zeit zum berechtigten Selbsthass führte, »stellt sich«, wie Wolfgang Pohrt 1976 zu Recht festhielt, »die Frage nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis weit ungemütlicher als je zuvor.« – nur dass seitdem das vermeidbare und nicht wiedergutzumachende Leiden nicht aufgehört hat, aufgehäuft zu werden und die anhaltende Permanenz der Qual die Beschäftigung mit der Frage wirklich schmerzhaft werden ließ.

Das Eingedenken der weiter krepierenden Opfer, die wesentlich Teil und objektiver Skandal jenes Zusammenhangs sind, auf dem auch etwaige kritische Subjektivität fußt, ist ernsthaft in kritische Theorie aufzunehmen, soll sie nicht aus Selbstschutz vor dem durchweg stachelig gewordenen Objekt zurückweichen. Dass hier von »Eingedenken« der gegenwärtig zu Grunde gehenden Opfer gesprochen wird, drückt im sprachlichen Widerspruch die heutige Aporie des Denkens aus: Eingedenken, das sich eigentlich auf Vergangenes bezieht, wird das einzige Medium des Innewerdens des Bestehenden, das aufgrund seiner eigenen Desintegration die momentan leidenden Opfer als schon Verlorene produziert.

Wenn das Sterben weitergeht; unter der Hand der letzten 40 Jahre eine neue Form von Barbarei Realität geworden ist – die alltags-praktische Verdrängung des Krepierenlassens – und sich im gleichen Prozess die materiellen Voraussetzungen kritischer Theorie in der Auflösung befinden, nötigt Selbstreflexion des Denkens erneut zur Frage nach seinen realen Möglichkeiten.

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Neoliberalismus in Beton – Ein neues Gebäude für die Universität Göttingen

Die altehrwürdige Georg-August-Universität Göttingen hat ein neues Gebäude erhalten, das Lern- und Studiengebäude oder kurz LSG. Da es ganz neu und frisch ist, habe ich noch keinen Fuß hinein gesetzt, aber die Lust es zu erkunden wurde mir bereits ausgetrieben. Denn das LSG präsentiert sich als neoliberale Subjektvierungsmaschine. Dieses neue Gebäude möchte ich im folgenden als Fallbeispiel dafür nehmen, wie neoliberale Techniken und Praxen der Subjektivierung im universitären Kontext aussehen können.

Für jene, die nicht in Göttingen studieren, eine Information vorweg: Der eCampus ist die Webplattform über die Studierende zugriff zu unterschiedlichen Planungsfunktionen haben. Prinzipiell eine sinnvolle Einrichtung, die zahlreiche nützliche Funktionen hat. Mir wurde schon von Universitäten berichtet, wo es mehr oder weniger zur Pflicht wurde bei Facebook zu sein, um an die Informationen für Seminare zu kommen. In Göttingen haben wir stattdessen den eCampus, und bei aller Kritik liegt meine Universität im Vertrauen doch vor Facebook. Seit Neuestem jedoch etwas knapper.

Denn seit Neuestem findet sich in diesem eCampus der Unterabschnitt "LSG-Arbeitsräume". Warum, so könnte die Frage gestellt werden, braucht das neue Gebäude im Gegensatz zu allen anderen Gebäuden eine spezielle Verwaltung über den eCampus? Nun dies ergibt sich aus der speziellen Funktionsweise des Gebäudes. Wer im eCampus auf den Abschnitt "LSG-Arbeitsräume" klickt, bekommt folgendes zu lesen:

"Im Lern- und Studiengebäude (LSG) neben der Zentralmensa hat die Einführungsphase begonnen.

    So geht´s:

    1. Reservieren Sie hier im eCampus R&#228;ume oder Schlie&#223;f&#228;cher.<br />
    2. Zu Beginn des reservierten Zeitraums melden Sie sich am Terminal im LSG an.<br />
    3. Das System weist Ihnen einen Raum oder ein Schlie&#223;fach zu und schreibt einen elektronischen Schl&#252;ssel zum &#214;ffnen auf Ihren Studienausweis.<br />
    4. Am Ende der Nutzung m&#252;ssen Sie sich am Terminal wieder abmelden.&#034;

Kurz gefasst, beim LSG handelt es sich um ein durchverwaltetes und durchverwaltendes Datenmonstrum. Allein beim pseudo-freundschaftlich bem&#252;ht-lockeren &#034;So geht&#039;s&#034; habe ich eine tiefe Abneigung gegen das Geb&#228;ude gewonnen, das um benutzt zu werden, eine elektronische Anmeldung erfordert. Es k&#246;nnte ja auch eingewandt werden, dass es sich bei einer Universit&#228;t eigentlich um eine &#246;ffentliche Institution handelt und deswegen alle die der &#214;ffentlichkeit zutritt haben sollten, zumindest pro forma. Aber die Universit&#228;t ist l&#228;ngst von der &#246;ffentlichen Institution zur Ausbildungsst&#228;tte geworden, sp&#228;testens mit der Bologna-Reform.

Ach all diese Tiraden meinerseits nur, weil wir uns elektronisch anmelden m&#252;ssen, &#252;bertreibe ich nicht ein wenig?

Ein Effekt darf bei dieser Anmeldung nicht vergessen werden, wir stehen f&#252;r die Reservierung mit unserem Namen und zwar mit unserem ganz pers&#246;nlichem, individuellem Namen. Es kommt zu einer individualisierenden Disziplinierung, wie Foucault sie anhand des Panopticons bereits in &#034;&#220;berwachen und Strafen&#034; geschildert hat:

"[I]m Panopticon [oder in unserem Fall dem LSG] findet man dieselbe Bemühung um individualisierende Beobachtung, um Charakterisierung und Klassifizierung, um analytische Aufteilung des Raumes." (Foucault 1977: 261)

Das alleine w&#252;rde jedoch noch keine neoliberale Universit&#228;t ausmachen, sondern &#034;lediglich&#034; eine technologische Versch&#228;rfung des Universit&#228;t als Disziplinierungsanstalt bedeuten. Bisher w&#252;rden noch die spezifisch neoliberalen Machttechnologien fehlen. Hier ist vielleicht ein kurzer Einschub angebracht, was unter Liberalismus zu verstehen ist. Dazu schreibt Foucault:

"Der Liberalismus ist also als Prinzip und Methode der Rationalisierung der Regierungsausübung zu analysieren – einer Rationalisierung, die, und hierin liegt ihre Besonderheit, der internen Regel maximaler Ökonomie gehorcht." (Foucault 2005b: 181)

Diese interne Regel maximaler &#214;konomie kommt beim LSG folgenderma&#223;en zu tragen: Wir Studierende m&#252;ssen uns nicht nur elektronisch anmelden, sondern dar&#252;ber hinaus wurde ein Belegungspunkte-System eingef&#252;hrt. Dazu l&#228;sst sich auf der Webseite des LSG lesen:

"Die Nutzungsordnung des LSG bestimmt das System der Belegungspunkte. Hier findet ihr eine Übersicht, wie viele Punkte die Raumnutzung im LSG „kostet“: "

Im Anschluss findet sich eine Tabelle als Grafik, und ja sie schreiben in der Tat &#8222;kostet&#8220; in Anf&#252;hrungszeichen. Offensichtlich ist die Vorstellung, dass der Markt oder markt&#228;hnliche Mechanismen die bestm&#246;gliche Allokation von Ressourcen bedeutet, mittlerweile tief in das universit&#228;re System eingesickert.<a title="Dass Commons auch anders verwaltet werden könnten, legt etwa die Forschung von Elinor Ostrom nahe. Siehe: http://systempunkte.org/article/elinor-ostrom-gegen-die-tragik-der-allmende" href="http://www.systempunkte.org/articles_and_blogposts#footnote1_w7a3q6m">1</a> Wobei ich zugebe, dass die Orientierung am Mark hier noch rudiment&#228;r &#252;ber ein einfaches Bezahlungssystem geschieht. Weitere Schritte w&#228;ren die Einrichtung eines tats&#228;chlichen Marktes, bei dem Studierende untereinander Belegungspunkte tauschen k&#246;nnen, etwa gegen Gutschriften bei der Mensa oder &#228;hnlichem. Auch eine Kopplung mit dem durch Bologna installierten Credit-System w&#228;re denkbar, wer mehr Credits &#034;erwirtschaft&#034; erh&#228;lt f&#252;r seine<em>ihre &#034;Leistung&#034; mehr Belegungspunkte.

Aber bevor wir die Universit&#228;tsverwaltungen noch auf dumme Gedanken bringen lesen wir lieber weiter:

"Stornierungskosten

    Bei Stornierung eines Raumes bzw. Schlie&#223;faches werden abh&#228;ngig vom Zeitpunkt Belegungspunkte vom Belegungskonto der Nutzerin oder des Nutzers gem&#228;&#223; der nachfolgenden Tabelle gel&#246;scht. F&#252;r stornierte Takte einer laufenden Belegung durch Stornierung oder Abmeldung vor Ende der Belegungszeit werden ebenfalls anteilig Belegungspunkte gel&#246;scht.

    Sofern durch das Bearbeiten einer Belegung eine Stornierung erfolgt, gilt: Wird durch das Bearbeiten der Belegung der Tag, f&#252;r den die Belegung erfolgt, nicht ge&#228;ndert, werden die Belegungspunkte f&#252;r die urspr&#252;ngliche Belegung vollst&#228;ndig gel&#246;scht, sofern diese nicht h&#246;her sind als die Belegungspunkte f&#252;r die ge&#228;nderte Belegung. &#220;bersteigen die Belegungspunkte f&#252;r die urspr&#252;ngliche Belegung die Belegungspunkte f&#252;r die bearbeitete Belegung, wird die Differenz nur anteilig gem&#228;&#223; obenstehender Tabelle gel&#246;scht.&#034;

Hier sehen wir erneut eine Form die Aufdr&#228;ngung der Verantwortung auf das Selbst, jede</em>r Einzelne muss m&#246;glichst sicher planen, um keine Stornierungskosten zahlen zu m&#252;ssen. Ziel ist das Subjekt des Neoliberalismus, welches als aktives, eigenverantwortliches Selbst in der Lage ist sich selbst zu regieren (vgl. M&#252;mken 2012: 169), entsprechend den Zielen denen es unterworfen ist.. Erziehung zum unternehmerischen Selbst geh&#246;rt jetzt also zum Pflichtangebot der Universit&#228;t G&#246;ttingen, beziehungsweise ist dies bereits seit der Bologna-Reform der Fall, wird aber durch das LSG weiter vorangetrieben. Damit wir uns auch entsprechend selbstkontrollieren k&#246;nnen, werden im neuen Abschnitt im eCampus quantitative Daten &#252;ber meine &#034;Nutzungshistorie&#034; bereitgestellt. Hier sei an die zentrale Rolle erinnert, die die Statistik laut Foucault (2005a: 166f.) f&#252;r die Gouvernementalit&#228;t <a title="&quot;Unter Gouvernementalität verstehe ich die Gesamtheit, gebildet aus den Institutionen, den Verfahren, Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken, die es gestatten, diese recht spezifische und doch komplexe Form der Macht auszuüben, die als Hauptzielscheibe die Bevölkerung, als Hauptwissensform die politische Ökonomie und als wesentliches technisches Instrument die Sicherheitsdispositive hat.&quot; (Foucault 2005a: 171)" href="http://www.systempunkte.org/articles_and_blogposts#footnote2_njcqjyl">2</a> spielt. Das Auff&#228;llige ist, dass die Bewertung der statistischen Daten in diesem Fall an die individualisierten Subjekte ausgelagert wird und zwar durch die Orientierung an &#246;konomischen Prinzipien. Deswegen ist es meines Erachtens gerechtfertigt die im LSG manifest gewordenen Technologien der neoliberalen Gouvernementalit&#228;t zuzurechnen (zum Begriff der neoliberalen Gouvernementalit&#228;t vgl. M&#252;mken 2012: 165-171).

Ich bin mir sicher, das Konzept des LSG ist beeindruckend effizient auf dem Papier und wom&#246;glich auch erschreckend effizient in der Umsetzung. Aber wir bef&#228;nden uns nicht in neoliberalen Verh&#228;ltnissen, wenn nicht dar&#252;ber hinaus unsere Mitgestaltung (selbstverst&#228;ndlich im streng vorgegebenem Rahmen der Verwaltung, die uns effizient regierbar zu machen sucht) betont w&#252;rde. Deswegen gab es einen Wettbewerb. Wohlgemerkt einen Wettbewerb, nicht etwa eine gemeinsame kreative M&#246;glichkeit, sondern die einzelnen Studierenden k&#246;nnen mit ihren &#034;Leistungen&#034; gegeneinander antreten:

"Gestalte deinen Platz!

    Das Lern- und Studiengeb&#228;ude ist ein Geb&#228;ude ausschlie&#223;lich f&#252;r euch. Bei der Ausstattung k&#246;nnt ihr euch auf h&#246;henverstellbare Tische und B&#252;rost&#252;hle sowie einer Basisausstattung mit Monitor, Maus und Tastatur freuen. Aber um die R&#228;ume wirklich in eure H&#228;nde zu geben, haben wir euch nach euren Ideen gefragt!

    Was war gefragt?

    Fotografie &#124; Grafik &#124; Zeichnung &#124; Malerei

    Das Motiv konntet ihr selbst ausw&#228;hlen: Die einzige Einschr&#228;nkung war, dass es in eine Lernumgebung passen soll, die euch gef&#228;llt und das Lernen angenehmer macht. Auch Collagen, Comics oder abstrakte Bilder waren m&#246;glich.&#034;

Auff&#228;llig ist, dass auch in diesem Wettbewerb wieder gezielt Individuen als solche angesprochen werden: &#034;Gestalte deinen Platz!&#034; Es wird dazu das Schicksal (im erlaubten Rahmen, wohlgemerkt) selbst in die Hand zu nehmen, aber eben nicht kollektiv. Und die Bereitstellung von Bildern, die noch dazu durch vermeintliche Autorit&#228;tspersonen ausgew&#228;hlt werden, darf wohl im w&#246;rtlichen wie im bildlichen Sinne als oberfl&#228;chliche Mitgestaltung bezeichnet werden.<a title="Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass sich die studentische Beteiligung nicht herauf beschränkt, denn laut einem EMail der Universität des sogenannten &quot;Newsticker für Studierende&quot; gilt: &quot;Der Bau des LSGs geht auf eine Initiative von Studierenden zurück und wird durch Studienbeiträge finanziert.&quot;" href="http://www.systempunkte.org/articles_and_blogposts#footnote3_aqbc8s4">3</a> Aber wir wollen uns doch nicht in der Euphorie d&#228;mpfen lassen:

"Es ist eine wahre Freude, eure Bilder für den Wettbewerb „Gestalte deinen Platz!“ anzuschauen."

Interessant ist auch, dass die Barrierefreiheit des LSG betont wird:

"Bei der Planung des Gebäudes wurde großer Wert auf Barrierefreiheit gelegt. Im Erdgeschoss gibt es auch speziell auf Personen mit Mobilitätseinschränkungen zugeschnittene Räume."

Nun ist dies sicherlich besser, als wenn das LSG Barrieren h&#228;tte.<a title="Ich bin mir nicht sicher, ob das LSG wirklich gänzlich barrierefrei ist, so stelle ich mir etwa die Frage, wie eine blinde oder stark sehbeeinträchtige Person den Terminal bedienen soll. Geschrieben wird lediglich von Personen mit Mobilitätseinschränkungen" href="http://www.systempunkte.org/articles_and_blogposts#footnote4_g49ztgj">4</a> Allerdings kommt mir sogleich folgendes in den Sinn:

"»Inklusion« hat sich in den letzten Jahren als wissenschaftlich-politische Zauberformel einer gesellschaftlichen Ordnungsvorstellung etabliert, der es – ganz akkumulationskompatibel – nicht in erster Linie um die Umverteilung materielle Ressourcen mit dem Ziel der Angleichung sozialer Lebenslagen, sondern vielmehr um die Ermöglichung von Teilhabe am Prozess der Produktion materieller Lebenschancen geht." (Lessenich in Dörre, Lessenich und Rosa 2009: 167)

Damit wir dem LSG als Fallbeispiel f&#252;r die Festsetzung neoliberaler Gouvernementalit&#228;t an den Universit&#228;ten gerecht werden, m&#246;chte ich auch die Abweichung vom neoliberalen Idealtypus aufzeigen. Es gibt R&#228;ume, die ohne Anmeldung und &#034;Bezahlung&#034; von Belegungspunkten nutzbar sind:

"Und schließlich bietet das LSG natürlich auch Pausenbereiche für verschiedene Stimmungen und Situationen: Sitzecken im Foyer und im Haupttreppenhaus, zwei  „leise Pausenräume“ zum Ausruhen oder entspannten Lesen sowie einen größeren Pausenraum mit Bistrocharakter, der durch seine raumbreite Glasfront einen beeindruckenden Blick auf den Innenhof bietet. Hier stehen auch Snack- und Getränkeautomaten."

Neben dem an einen Immobilienmakler erinnernden Jargon ist hier insbesondere eine Zweiteilung in streng effizient verwaltete Arbeitsr&#228;ume und in mehr oder weniger lockere Pausenr&#228;ume auff&#228;llig. Die Trennung von Arbeit und Freizeit spiegelt sich also wieder, dies ist eigentlich eher untypisch f&#252;r neoliberale Machttechnologien. Meines Erachtens ist dies als notwendiges Zugest&#228;ndnis zu lesen, ohne dies w&#228;re das LSG mit dem immer noch stark verbreiteten Vorstellung einer Universit&#228;t als &#246;ffentlichen Einrichtung, die eher kollektiv genutzt werden kann, als vereinzelnd aktivierend wirken soll, zu offensichtlich in Konflikt geraten.

Immer wieder bin ich von der Selbstverlogenheit der deutschen Universit&#228;t als Institution beeindruckt. Da kann es einer<em>m geschehen in einer Pr&#252;fung abgefragt zu werden, was Foucault &#252;ber Pr&#252;fung als Form der Disziplinizierung geschrieben hat. Da kann einer</em>m geschehen, Texte &#252;ber Subjektivierung und neoliberale Gouvernementalit&#228;t von Foucault empfohlen und bald darauf ein Musterbeispiel in Beton vorgesetzt zu bekommen. Da kann einer<em>m erkl&#228;rt werden, das Ganze w&#228;re f&#252;r mich da, wobei ganz eindeutig das Ziel ist mich als neoliberales Subjekt zu produzieren.

Wie sich am Beispiel der Universit&#228;t G&#246;ttingen zeigt werden neueste technologische M&#246;glichkeiten angewendet, um die seit Bologna ohnehin fortschreitende Neoliberalisierung der Universit&#228;ten voranzutreiben. Am unertr&#228;glichsten ist mir allerdings, dass damit alle F&#228;higkeiten zu wahrlich freiheitlicher Selbstverwaltung, die nicht &#252;ber zweckrationale Allokation, sondern &#252;ber ein Ethos der Freiheit errungen wird, behindert werden und drohen zu verk&#252;mmern.

Das LSG ist f&#252;r dich da, sofern du Student</em>in der Universit&#228;t G&#246;ttingen bist, das hei&#223;t, die immer noch bestehenden Studiengeb&#252;hren brav &#252;berwiesen hast, und sofern du dich so gut selbstverwaltest, dass du gen&#252;gend Belegungspunkte zur Verf&#252;gung hast. Willkommen an der neoliberalen Universit&#228;t zu G&#246;ttingen.

&#160;

<strong>Links</strong>

Webseite des LSG - <a href="http://lsg.uni-goettingen.de" title="http://lsg.uni-goettingen.de">http://lsg.uni-goettingen.de</a>

Blog des LSG - <a href="http://wordpress.uni-goettingen.de/" title="http://wordpress.uni-goettingen.de/">http://wordpress.uni-goettingen.de/</a>

Die entsprechenden Zitate zum LSG, mit der Ausnahme jenes dem eCampus entnommenen, k&#246;nnt ihr auf der LSG Seite bzw. dem Blog finden.

<strong>Literaturverzeichnis:</strong>

D&#246;rre, Klaus; Lessenich, Stephan und Rosa, Hartmut (2009): Soziologie &#8211; Kapitalismus &#8211; Kritik. Frankfurt am Main.

Foucault, Michel (1977): &#220;berwachen und Strafen. Frankfurt am Main.

Foucault, Michel (2005a): Die &#187;Gouvernementalit&#228;t&#171; (Vortrag). In Defert, Daniel und Ewald, François (Hsg.): Analytik der Macht. Frankfurt am Main: 148-174.

Foucault, Michel (2005b): Die Geburt der Biopolitik. In Defert, Daniel und Ewald, François (Hsg.): Analytik der Macht. Frankfurt am Main: 180-187.

M&#252;mken, J&#252;rgen (2012): Die Ordnung des Raumes. Foucault, Bio-Macht, Kontrollgesellschaft und die Transformation des Raumes in der Moderne. Lich/Hessen.
  • 1. Dass Commons auch anders verwaltet werden könnten, legt etwa die Forschung von Elinor Ostrom nahe. Siehe: http://systempunkte.org/article/elinor-ostrom-gegen-die-tragik-der-allmende
  • 2. "Unter Gouvernementalität verstehe ich die Gesamtheit, gebildet aus den Institutionen, den Verfahren, Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken, die es gestatten, diese recht spezifische und doch komplexe Form der Macht auszuüben, die als Hauptzielscheibe die Bevölkerung, als Hauptwissensform die politische Ökonomie und als wesentliches technisches Instrument die Sicherheitsdispositive hat." (Foucault 2005a: 171)
  • 3. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass sich die studentische Beteiligung nicht herauf beschränkt, denn laut einem EMail der Universität des sogenannten "Newsticker für Studierende" gilt: "Der Bau des LSGs geht auf eine Initiative von Studierenden zurück und wird durch Studienbeiträge finanziert."
  • 4. Ich bin mir nicht sicher, ob das LSG wirklich gänzlich barrierefrei ist, so stelle ich mir etwa die Frage, wie eine blinde oder stark sehbeeinträchtige Person den Terminal bedienen soll. Geschrieben wird lediglich von Personen mit Mobilitätseinschränkungen

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„Wie viel Erde braucht der Mensch?“. Zur Verteilung von Grund und Boden

Am Freitag, den 25. und Samstag, den 26. Oktober 2013 findet in der Anarchistische Bibliothek (Lerchenfelder Straße 124-126, Hof 3, Tür 1A, Wien) das 9. Pierre Ramus Symposion statt unter dem Titel: „Wie viel Erde braucht der Mensch?“. Zur Verteilung von Grund und Boden

Das Programm sieht folgendermaßen aus:

Freitag, 17.45 Uhr: Eröffnung durch Peter Stipkovics

Freitag, 18.00 Uhr: Gerhard Senft: Siedlungsbewegungen – Hausbesetzungen – Wagenplätze. Kontinuitäten eines libertären Projekts

Freitag, 19.30 Uhr: David Strohmaier: Raum im Postanarchismus

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Samstag, 16.30 Uhr: Konrad Berghuber: Commons und Solidarische Ökonomie

Samstag, 18.00 Uhr: „Pfade durch Utopia“ – eine Filmdokumentation utopischer Praxis, eine Reise auf der Suche nach postkapitalistischen Lebensformen (von Isabelle Fremeaux und John Jordan). Einleitende Worte: Andreas Pavlic

Abschließend: Kommentar zur Filmdoku und Diskussion

Alle Informationen auch auf der Webseite der Pierre Ramus Gesellschaft: www.ramus.at

Eine vorläufig Bilanz von Occupy Gezi

Ein halbstündige Dokumentation der Media-Webseite Global Uprising zieht eine erste Bilanz über die Proteste um die Besetzung des Gezi-Parks.

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Marxistische Selbstgerechtigkeit im Gefolge der zeitgenössischen Krise(n)

„Inmitten der Krise finden selbst manche Wall-Street-Banker Marx irgendwie gut“, war vor kurzem in der FAZ zu lesen. Auch innerhalb der Linken scheint Marx zunehmend an Prestige zurückzugewinnen: „Marx ist muss“ wird auf harmlos daherkommenden Veranstaltungsplakaten dekretiert (nur nebenbei: „Bakunin [oder sonst wer] ist muss“ wäre kein’ Deut besser). Sollte der Titel von Terry Eagletons neuem Buch Warum Marx recht hat (Why Marx Was Right) provokativ gemeint sein, rennt er bisweilen offene Türen ein.
Vorgenommen hat sich der Literaturwissenschaftler allerdings nicht wenig: „Was, wenn all die sattsam bekannten Einwände gegen Marx’ falsch sind?“ (S.9) Im Grunde bietet das Bändchens jedoch nichts Eigenständiges und Eagleton greift in seinem Verteidigungsfeldzug auch nur sehr sparsam und selektiv auf die Marx’schen Texte zurück. Oftmals ist die Darstellung seltsam konfus, z.B. im Zusammenhang mit der Problematik, inwieweit Marx eine naive und in Bezug auf die ökologische Frage gefährliche Theorie vertrat. So beginnt Eagleton mit der Feststellung, dass es bei Marx „tatsächlich eine solche“ problematische „Tendenz“ gebe, wendet aber sogleich relativierend ein: „wie sollte es bei einem europäischen Intellektuellen des 19.Jahrhunderts auch anders sein“, um anzufügen, dass „die Natur auch manchmal unterworfen werden“ müsse (S.258). Wenig später aber ist zu lesen, dass nur „wenige viktorianische Denker (…) die moderne Umweltbewegung so verblüffend vorweggenommen“ hätten (S.260), um im großen Finale zu erklären: „Es gibt nicht den geringsten Zweifel daran, dass er [Marx], würde er heute noch leben, sich in der vordersten Front der Umweltbewegung befände.“ (S.261) Wer nun Eagleton Zitate aus der von ihm selbst anfangs noch bemerkten, problematischen „Tendenz“ entgegenhält, wird sogleich belehrt, dass dies letztlich irrelevant sei, denn: „eine zentrale These des Marx’schen Materialismus lautet schließlich, dass nichts und niemand vollkommen sei“ (S.261).

Im Zweifelsfall kann man dem Meister galant unter die Arme greifen, schließlich war Marx z.B. „ein echter Moralist in der Tradition des Aristoteles, obwohl er nicht immer wusste, dass er es war“ (S.186).

Neben diesem merkwürdigen Hin und Her kann man mit Tristram Hunt noch in anderer Hinsicht die „logical precision, winning prose or intellectual ambition” vermissen. Es ist nämlich ein großes Manko des Buches, dass man nicht so recht erfährt, was eigentlich spezifisch für Marx ist, was genau den Marxismus ausmacht und von anderen sozialistischen Richtungen unterscheidet. Deshalb kann Eagleton erklären: „Eine der stärksten neuen Strömungen in der Politik wird antikapitalistische Bewegung genannt; da ist natürlich [!] schwer zu erkennen, worin der entscheidende Bruch mit dem Marxismus besteht.“ (S.242) Wenn jede Gegnerschaft zum Kapitalismus marxistisch ist, mag das sein, aber wann war sie dies jemals? Dafür, dass „viele Anarchisten, libertäre Sozialisten und Vertreter verwandter Strömungen (…) den Marxismus entschieden“ abgelehnt hätten, wie Eagleton einmal nebenbei auffällt (S.46), hätte man dann doch eine Erklärung verlangen können. Im Übrigen ist auch Eagletons Terminologie höchst merkwürdig, wenn er z.B. Trotzki als libertären Sozialisten zu verstehen scheint (S.36). An einer Stelle erfährt man: „Teilweise [um was noch erfährt der/die Leser/in nicht] drehte sich Marx’ Streit mit den Anarchisten um die Frage, welche Bedeutung Macht überhaupt hat. (…) Wir müssen [nach Marx] fragen, wessen materiellen Interessen sie dient.“ (S.240) Darauf ist wahrlich kein Anarchist je gekommen. Aber weiter: „Marx übersieht an der Macht“ folgendes: „Die Macht mag kein Ding an sich sein, aber sie hat die Tendenz, Herrschaft um ihrer selbst willen zu genießen“ (S.240) Gesteht Eagleton nun den eben von ihm genannten AnarchistInnen diese Einsicht zu? Man weiß es nicht, erfährt man doch auf einmal nur von den Erkenntnissen der aus dem Hut gezauberten „Nietzsche und Freud“ (S.240). Es scheint sich aber um eine wichtige Angelegenheit zu handeln, denn: „Wer Macht nur instrumentell begreift, übersieht eine ihrer wichtigsten Eigenschaften – und unter Umständen auch den Grund, warum Macht einen so enormen Zwangscharakter entwickeln kann.“ (S.241) Bei Marx droht diese Gefahr aber anscheinend nicht, sei er doch „ein unnachgiebiger Gegner des Staates.“ gewesen (S.226).Dies so sehr, dass er „den Zeitpunkt“ herbeisehnte, „an dem der Staat hinfällig geworden sein würde“ (S.226). Wir warten...

Der knallharte Staatsfeind unterscheide jedoch, so Eagleton in einer für dieses Buch typischen, überraschenden Wendung, zwischen „klassenspezifischen und klassenneutralen Funktionen des Staates“ (S.229). Und gegen den Anarchismus habe er deshalb zurecht deutlich gemacht, dass der Staat nur in dem Sinn obsolet werde, als dass er aus einem Zwangsstaat“ in ein „Verwaltungsorgan“ umgewandelt werde (S.240) … was ja, wie die Geschichte gezeigt hat, ein Leichtes ist. Aber bevor man skeptisch wird, gibt es schon Aufklärung: „Anders als viele Liberale war Marx nicht allergisch gegen die Macht als solche. Die Mitteilung, dass alle Macht widerwärtig sei, kann kaum in Interesse der Machtlosen liegen – vor allem wenn sie von denen kommt, die mehr als genug davon haben.“ (S.238) Und  dankenswerterweise habe der „Sozialismus“ dann auch nicht vor, „eine Gruppe von Herrschenden durch eine andere zu ersetzen“ (S.238) und Marx’ Verkennen der „konkreten Dialektik von Organisation und neuer Gesellschaft“ (H.J. Viesel) wird zur großen Geste: „Nachdem Marx uns an die Schwelle der Freiheit geführt hat, überlässt er uns alles Weitere. Wie könnte Freiheit anders aussehen?“ (S.163) Auch für Eagleton scheint diese ganze Problematik irrelevant, so dass er sie kurzerhand wie folgt abfertigt: „Menschen in großer Zahl zusammenzufassen, mag in gewisser Hinsicht eine Entfremdung sein, in einer anderen ist es eine Bedingung ihrer Emanzipation. (…) Wohlmeinende Liberale, die jedes Mitglied der Ruritanischen Befreiungsbewegung als besonderes Individuum betrachten, haben den Zweck der Ruritanischen Befreiungsbewegung nicht begriffen. Deren Ziel ist es nämlich, an einen Punkt zu gelangen, wo jeder Ruritaner tatsächlich so frei ist, dass er er selbst sein kann. Könnte er das schon jetzt, wäre die Befreiungsbewegung überflüssig.“ (S.196) Die Lektion aus hundert Jahren Parteioligarchien und, und, und, besteht also darin, die Marx’/Engels’sche Polemik gegen das „Jurazirkular“ (1871) der anti-autoritären Internationale abzuschreiben.

Vielleicht sollte man aber froh sein, dass Eagleton nicht auf diese Auseinandersetzungen näher eingegangen ist, so bleiben einem aller Voraussicht nach wenigstens Ausführungen im Stil eines Wheen erspart, der in seiner – so Eagleton –„ausgezeichneten Marx-Biografie“ (S.280), zum beginnenden Streit innerhalb der Internationalen Arbeiter-Assoziation schrieb: „Und natürlich lauerte da immer noch die Gefahr in Gestalt von Michail Bakunin, der die verwundete, erschöpfte Internationale nicht aus den Augen ließ wie eine hungrige Hyäne ihre Beute.“ (F. Wheen: Karl Marx. München, 2001, S.401).

Im Grunde geht es Eagleton aber auch nicht um Geschichte, sondern darum, was Marx „im Sinn“ hatte (S.125) … und das sind lauter schöne Dinge. Andererseits, ein bisschen Geschichte muss schon sein, und so erklärt er voller Stolz, dass der „Marxismus (…) die einzige [Kapitalismuskritik]“ gewesen sei, „die große Regionen der Erde umgestaltet hat“ (S.14). Nun war diese Umgestaltung nicht immer ganz so toll – das ist auch Eagleton aufgefallen. Aber „auch das sogenannte sozialistische System hatte seine Erfolge“: „China und die Sowjetunion führten ihre Bürger“ – peitschten ihre Sklaven? – „aus wirtschaftlicher Rückständigkeit in die moderne Industriewelt“ – „wenn auch unter entsetzlichen Opfern“, aber hey: „was zum Teil an der Feindseligkeit des kapitalistischen Westens lag“ (S.27).  Und eigentlich ist sowieso der „kapitalistische Westen“ an allem Schuld, sei auf die „bolschewistische Revolution [1917] ein blutiger Bürgerkrieg“ doch nur deshalb gefolgt, „weil die neue Gesellschaftsordnung von rechten Streitkräften und ausländischen Invasoren wütend angegriffen wurde“ (S.209). Und außerdem war sie ja „von einer Flut überwiegend feindseliger Kleinbauern umgeben, die nur mit Waffengewalt zu bewegen waren, ihren mühsam erwirtschafteten Überschuss an die hungernden Städte abzugeben“ (S.33f.) Dennoch „dürften die Vorteile des Kommunismus seine Nachteile“ zwar „kaum aufwiegen“, eine ernsthafte Alternative gab es aber wohl nie: „Mag sein, dass unter den schrecklichen Bedingungen der frühen Sowjetunion irgendeine Art von Diktatur fast unvermeidlich war, sie musste aber keinesfalls auf den Stalinismus oder etwas Ähnliches hinauslaufen.“ (S.28) Und so kann man sich konsequenterweise eigentlich nur zurücklehnen: „Der Sozialismus schafft den materiellen Wohlstand nicht, sondern macht ihn sich zunutze. Stalin war es, nicht Marx, der dem Sozialismus die Entwicklung der Produktivkräfte auftrug.“ (S.268) Merkwürdig nur, dass Marx und Engels in den „Maßregeln“ des Kommunistischen Manifestes völlig darauf fokussiert sind, durch die staatliche Zentralisierung „die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren“ (MEW 4: 481). Aber ist ja auch egal, denn: „Den Sozialismus [Marxismus?] an seinen Ergebnissen in einem hoffnungslos isolierten Land zu beurteilen, wäre so, als würde man von einer Studie an Psychopathen in Kalamazoo auf die ganze Menschheit schließen.“ (S.31) Überlassen wir also dem Kapitalismus die historisch-notwendige Drecksarbeit, empören uns scheinheilig darüber, und sacken dann den Gewinn ein! Sozialismus erschöpft sich nämlich lediglich darin, den „Wohlstand zum Nutzen aller umzuverteilen“ (S.29), womit Ch. Schlüters Charakterisierung von Eagletons Position als eines „leicht forcierten Sozialdemokratismus“ seine Berechtigung bekommt.

Aber wie dem auch sei, auch in der Vergangenheitsbewältigung sind die MarxistInnen die größten: „Doch wie gesehen [wo?] wären heute nur sehr wenige Marxisten geneigt, diese schrecklichen Verbrechen zu verteidigen, während“ – jetzt kommen wieder die Bösen – „viele Nichtmarxisten durchaus bereit wären, etwa die Zerstörung von Dresden oder Hiroshima zu rechtfertigen.“ (S.214) Eagletons Ausführungen sind, wie gesehen, tatsächlich ungemein (selbst)kritisch, aber eigentlich sind ja auch die MarxistInnen Opfer: „die Marxisten müssten eigentlich an Niederlagen gewöhnt sein. Sie haben schon größere Katastrophen erlebt. Die politischen Vorteile werden immer auf der Seite des Systems sein, das an der Macht ist – und sei es auch nur, weil es mehr Panzer besitzt als seine Gegner.“ (19f.) Und wen auch dies noch nicht überzeugt haben sollte, dem wird folgendes ans Herz gelegt: „Ich habe bereits dargelegt, dass die Marxisten überzeugender als die Anhänger irgendeiner anderen politischen Anschauung erklären können, wie es zu den Gräueltaten von Männern wie Stalin gekommen ist, und daher auch, wie sich eine Wiederholung verhindern ließe.“ (S.214) Hatte er aber nicht darauf hingewiesen, dass es da ein Problem mit dem Verständnis von „Macht“ und ihrer Eigendynamik bei Marx gebe? Nicht lange grübeln, lieber schnell wieder zu wichtigerem: „Aber wie steht es mit den Verbrechen des Kapitalismus?“ (S.214)

Wenn Eagleton meint, dass „viele seiner [Marx’] Kritiker (…) keine Lust“ hätten, „sich ihre Argumente von den Fakten verderben zu lassen“ (S.100), könnte man meinen, er spricht von sich selbst.

M. Probst hat beklagt, dass man sich nach der Lektüre des Buches frage, „womit denn Marx nun recht hatte“, so „unscharf“ trete dessen Theorie hervor. Fest steht für Eagleton jedenfalls, dass keiner es sich leisten könne – er nennt wohl exemplarisch die „Friedensbewegung“ und die „Umweltbewegung“ – die „Einsichten des Marxismus zu ignorieren“ (S.269), habe doch nur dieser den Kapitalismus verstanden, bzw. die „gründlichste, kompromissloseste, umfassendste jemals vorgebrachte Kritik“ an diesem geleistet (S.14), wie er auch „lange Zeit die (…) politisch entschiedenste Kritik dieses Systems“ gewesen sei (S.10). Einer Zusammenarbeit mit dem Marxismus steht anscheinend nichts im Wege, denn: „Tatsächlich weisen die Beziehungen des Marxismus zu anderen radikalen Strömungen eine weitgehend positive Bilanz auf.“ (S.242) Nur: was verbirgt sich hinter diesem „weitgehend“?

Für die dringend notwendige, konstruktive Auseinandersetzung zwischen AnarchistInnen und MarxistInnen sind solcherart Schriften kontraproduktiv und eher ein betrübliches Zeichen dafür, dass so manche/r Marxist/in wieder offensiv Gefallen an der Rolle des Lehrmeisters für sozialistische Angelegenheiten findet. Bleiben wir also unbeeindruckte Kinder und suchen uns unsere SpielgefährtInnen da, wo man ernsthaft zum Dialog bereit ist…

Terry Eagleton: Warum Marx recht hat. Ullstein Verlag. 2012. 286 Seiten. 18 Euro

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