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Kritik und Selbstkritik

Liebe Leser/innen von systempunkte.org,
nach 3 Jahren und etwa 200 Blogposts haben wir uns entschieden, das Projekt systempunkte.org kontrolliert zu beenden. Wir müssen feststellen, dass wir nicht die personellen Ressourcen haben, um ein Medium, das unseren Ansprüchen genügt, zu betreiben und vor allem weiterzuentwickeln. Statt die Seite auf zu kleiner Flamme weiter existieren zu lassen, wenden wir uns lieber anderen politischen Projekten zu. Wir beenden damit ein Experiment, und wissen etwas mehr über die Bewegungen in dieser Gesellschaft und die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst, die nichtzuletzt Bedingung des Gelingens eines jeden politischen Projekts sind.


Was wir versucht haben


Unser Ziel war Brücken zu schlagen und Gräben, die uns als unvernünftig erschienen in Frage zu stellen. Insbesondere zählt hierzu jene zwischen akademischen Diskurs und Bewegungsdiskussionen, wir wollten beides zusammenführen. Zudem wollten wir den Horizont der deutschsprachigen anarchistischen Bewegung erweitern: Statt immer nur dieselben Thesen zu wiederholen, wollten wir Kontrapunkte setzen. Damit wollten wir nicht zuletzt die anarchistische Theorie auf die Höhe der Zeit bringen, Kompromisse bei der Qualität gingen wir deshalb selten ein. Wir wollten keine Flugblätter veröffentlichen (dafür gibt es Indymedia & Co), sondern fundierte Meinungen, Analysen, Berichte, Kommentare, Recherchen, Argumente.


Was wir getan haben


Thematisch haben wir versucht über das inhaltlich Gewöhnlichen hinauszugehen ohne  die typischen Themen zu vernachlässigen und haben dabei die unterschiedlichsten Felder bearbeitet, von der Organisationsfrage über anarchistische Wirtschaftsformen zu Krishnacore. Damit wollten wir neue Diskussionen in den unser Erachten verhärteten inneranarchistischen Diskurs einbringen.
Und so haben wir die Thesen von David Graeber zu Schulden und ökonomischer Geschichte aufgearbeitet. Wir haben etwas über Max Stirner gelernt, den anarchistischen Egoisten des 19. Jahrhunderts. Wir haben utopisch und dystopisch über die Ökonomie der Zukunft nachgedacht. Wir haben die Pros und Contras von Konsens und Mehrheitsentscheid diskutiert. Und einiges mehr.


Was uns nicht gelungen ist


Während dieser drei Jahre erlebten wir die Occupy-Bewegung, ihre Vorläufer und Ableger, sowie die Ausbleiben der anarchistischen Reaktion hierauf. Noam Chomskys Einschätzung zum Zustand der anarchistischen Bewegung ist heute so zutreffend wie vor ein paar Jahren.
Für ein politisches Millieu, das sich gern "undogmatische Linke" nennt, bringt dieses immer noch eine große Portion Dogmatismus mit. Wir sind so oft damit beschäftigt, Gräben zu ziehen und darin zu kämpfen. Im deutschsprachigen Raum sind wir mit einer kleinen Anarchismus-Szene konfrontiert, eingebettet in eine linksradikale Szene, die z.B. absurderweise Occupy als "die anderen" betrachtet. Wir möchten deshalb mit einem Aufruf zum Pluralismus schließen. Damit meinen wir nicht inhaltliche Beliebigkeit, sondern Offenheit und Bereitschaft zur Diskussion. Diese haben wir gelegentlich vermisst - ein Beispiel: Der Versuch die Rolle von Marktwirtschaft in einer freien Gesellschaft zu diskutieren, bzw. ob eine solche überhaupt eine Rolle spielen dürfte, soll uns hier und da den Ruf als "Anarchokapitalisten" eingebracht haben, ein Label was wir ablehnen und nicht nachvollziehen können. Schubladen dienen leider zu oft als bequemer Ersatz für inhaltliche Auseinandersetzung.
Wir stellen fest, dass die radikale Linke an ihrem Dogmatismus krankt, und wir sehen ihn als einen wichtigen Grund für ihre Schwäche und Irrelevanz im 21. Jh. an. Und damit beenden wir dann auch den typisch linken Rant.
Nicht gelungen ist uns zudem die versprengten Stücke des Anarchismus in der Blogosphäre zu verbinden, die Internet-Affinität lässt noch zu wünschen übrig. Sicherheitsbedenken scheinen uns hierbei nicht ausschlaggebend zu sein, angesichts der in der Bewegung weitverbreiten Nutzung von kommerziellen Netzwerkseiten. Angesichts der jüngeren Entwicklungen scheint uns auch die weitgehende Vernachlässigung der Netzpolitik durch die radikale Linke als bedenklich.


Was wir gelernt haben


Wir haben uns bewusst für eine hauptsächlich deutschsprachige Seite entschieden. Gezielt wollten wir aber Inhalte aus der weltweiten Bewegung in den deutschsprachigen Diskurs hineintragen. Unser Fazit dazu ist, dass regelmäßige Übersetzungsarbeit nicht effizient machbar ist, zumindest nicht für kleine Gruppen. Die Konsequenz: Aktivist/innen sollten Fremdsprachen lernen. Das ermöglicht uns den Blick über den nationalen Tellerrand, was für uns als kosmopolitische, transnationale und antinationalistische Bewegung umso wichtiger ist.(Jedenfalls so lange wie Google Translate & Co noch nicht auf dem Niveau eines menschlichen Übersetzers sind.)


Autor/innen kommen nicht von selbst, sie müssen angesprochen und der Kontakt mit ihnen gepflegt werden. Die Liste der Autor/innen, die wir gewinnen  konnten, ist nicht sehr lang, und sie ließ auch an Diversität zu wünschen  übrig. Viele Beiträge und Rückmeldungen, die wir bekamen, waren allerdings sehr gut und ermutigend - vielen Dank dafür.


Theoriearbeit, so mussten wir feststellen, funktioniert nicht, indem eine Gruppe von Leuten einfach Inhalte in die Welt bzw. ins Internet setzt und hofft, das irgendwer sie schon lesen wird. Die Bewegung muss sich aktiv und kollektiv bemühen ihre Schwäche in diesem Bereich zu überwinden. Auch das Lesen und Verstehen von Texten sollte gemeinsam erfolgen und die Ergebnisse solcher Diskussionen in Schrift gefasst zurück in die Gesamtbewegung getragen werden. Dies haben wir gelernt, die Umsetzung liegt aber nicht allein in unseren Händen.


Wir werden klüger weitermachen und wenn wir mit unseren nächsten Experimenten scheitern, werden wir klüger scheitern. Wir hoffen, dass unsere Erfahrungen ein Beitrag leisten, dass auch die anarchistische Bewegung neue Wege gehen kann und nicht alte Fehler wiederholen muss. Wir werden klüger weitermachen, denn es geht weiter bis zum Ende aller Verhältnisse, in denen der Mensch ein geknechtetes, ein verächtliches Wesen ist. Wie das gehen soll? Was ist denn das für eine scheiß bourgeoise Fragestellung!?!


Ab dem 6. 3. kein Anschluss unter dieser Adresse.

Video: Visions of a Free Society

Zum Verhältnis von Netzbewegung und außerparlamentarischer Linken

Eigentlich könnte doch alles so einfach sein: Sowohl Netzbewegung als auch die undogmatische Linke setzen sich für den Erhalt oder den Ausbau von Grund- und Freiheitsrechten ein. Beide eint die Ablehnung staatlicher Überwachung aller Art - von der Steueridentifikationsnummer bis zur Vorratsdatenspeicherung. Beide Seiten haben ein Weltbild, das die Selbstbestimmung und die Freiheit des Individuums in den Vordergrund stellt. Beide Seiten bekämpfen seit Jahren auf ihre Weise vehement den Überwachungsstaat. Warum tun sich, mal von einigen Initiativen und Projekten abgesehen, beide Seiten so schwer miteinander?

-- John F. Nebel: Aber bitte keine Extremisten - Beobachtungen zum Verhältnis von Netzbewegung und außerparlamentarischer Linken in analyse & kritik

David Graeber bei Sternstunde Philosophie

David Graeber über Schulden, Geld, Anarchismus, Occupy, Demokratie, Konsens, Erziehung.

Charles Eisenstein: Sacred Economics

Sacred Economics with Charles Eisenstein - A Short Film

 

Autor Ilija Trojanow wurde die Einreise in die USA verwehrt

Ilija Trojanow wurde die Einreise in die USA ohne Begründung verwehrt. Der Schriftsteller durfte also an einem amerikanischen Germanistenkongress, zu dem er eingeladen war, nicht teilnehmen.

2009 hatte Trojanow mit Koautorin Juli Zeh das Sachbuch Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte veröffentlicht. Er ist unter anderem Herausgeber der Sammlung Anarchistische Welten, die Texte libertärere Autoren wie David Graeber und Gerhard Senft enhält.

Einer der wichtigsten und bedrohlichsten Aspekte des NSA-Skandals ist die geheimnistuerische Essenz des Systems. Transparenz ist offensichtlich der größte Feind jener, die vorgeblich die Freiheit verteidigen. -- Ilija Trojanow in der FAZ

Mit diesem Fall setzt sich die Reihe der Überwachungskritiker fort, die an den Grenzen der freien westlichen Welt schikaniert werden. Erst im August 2013 wurde David Miranda, Partner des Guardian-Journalisten Glenn Greenwald,  auf der Durchreise am Londoner Flughafen festgehalten und unter Druck gesetzt - für den maximalen Zeitraum, den die "Antiterrorgesetze" erlaubten.

Weiterführende Links:

ohne-chef.org – Kollektivbetriebe im deutschsprachigen Raum

Auf Initiative der FAU Bonn entsteht derzeit ein Online-Verzeichnis von Kollektivbetrieben mit dem Titel ohne-chef.org. Betriebe können sich dort eintragen und sind z.B. nach Branche oder Region findbar.

Doch was genau ist ein Kollektivbetrieb? Die Seite gibt folgende Definition:

Die Grundidee kollektiver Betriebe ist es, ohne Chef*in zu arbeiten. Das heißt, alle Mitarbeiter*innen tragen die Verantwortung für ihr Unternehmen gemeinsam und teilen sich auch die Früchte ihrer Arbeit. Wie viel, wann und wie gearbeitet wird, wird von allen Mitarbeiter*innen gemeinsam entschieden. In erste Linie ist ein Kollektiv damit ein freiwilliger Zusammenschluss von Menschen, die ihre Arbeit selbstbestimmt ausführen möchten, entsprechend ihrer eigenen Interessen und nicht den Interessen eines Chefs / einer Chefin. In zweiter Linie ist ein Kollektiv aber auch die Idee, den Arbeitszwängen im Kapitalismus und damit dem Kapitalismus allgemein etwas entgegenzusetzen. Auch wenn ein Kollektiv innerhalb der kapitalistischen Ordnung agieren muss (und damit natürlich auch ökonomischen Zwängen unterliegt), kann es trotzdem ein Beispiel für eine Alternative zur Lohnarbeit sein.

In der Praxis kann die Selbstverwaltung eines Betriebs sehr unterschiedliche Formen annehmen. Das ist eigentlich selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass die Organisation eines Kollektivs an den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Mitarbeiter*innen orientiert sein soll. So unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich sind auch ihre Bedürfnisse hinsichtlich der Organisation ihrer Arbeit.

Entsprechend einem Positionspapier der FAU-Hamburg sollten sich Kollektivbetriebe auch unserer Meinung nach an 3 Grundprinzipien orientieren. Diese sind die basisdemokratische Organisation, die Idee des Gemeinnutzens und die Entwicklung von Alternativen zur Marktwirtschaft.

Mit diesem Portal gibt es die Chance einen gewissen Überblick über die Alternativwirtschaft im deutschsprachigen Raum zu bekommen, also: Weitersagen!

Openmind 2013: Marktsozialismus und Anarchie bei den Piraten

Auf der openmind 2013 (#om13), einer Konferenz im Umfeld der Piratenpartei, gab es zwei Vorträge, die ich hier mal zur Diskussion verlinken möchte.

 

Marktsozialismus - der Apfel, der nach oben fällt

Anarchie - Chaos als Perspektive

Nur der Vier-Stunden-Tag kann uns retten

"Keynes sagte bereits vor 80 Jahren, dass wir alle zu Beginn des 21. Jahrhunderts nur noch vier Stunden täglich arbeiten würden. Tatsächlich könnte der technologische Fortschritt unsere Arbeitszeit in dieser Weise reduzieren. Was uns daran hindert, ist die verinnerlichte Vorstellung vom moralischen Wert der Arbeit. Angesichts der Krise werden wir gar aufgefordert, noch mehr zu arbeiten, obwohl das Einzige, was uns retten könnte, weniger Arbeit wäre. Dass sie vorübergehend den Ausstoß von Kohlendioxid verringerte, war eine der wenigen guten Seiten der Rezession von 2008. Ein großer Teil der Arbeit entsteht überhaupt erst dadurch, dass wir zu viel arbeiten. "

-- David Graeber im Interiew mit der Freitag

Thesen zu Homosexualität und Homophobie

1. Homo-, Bi- und Heterosexualität sind nicht biologisch bestimmt. Alle Forschungsversuche, die einen Beweis für eine biologische Ursache von Homosexualität liefern wollten, haben sich bemüht, statistische Zusammenhänge zwischen sexueller Neigung und Körpermerkmalen zu finden. Vergrößerte Ohrläppchen, Hodenbeschaffenheit, Gehirnbesonderheiten, DNS-Sequenzen etc. müssten jedoch, selbst wenn innerhalb der untersuchten Gruppe eine Überschneidung bestünde, nicht unbedingt deren Ursache sein – schließlich ist das vermehrte Auftreten von Männern mit weißen Bärten und roten Mänteln rund um den 24.12. auch kein Beweis dafür, dass der Weihnachtsmann die Geschenke bringt. Ein Beweis müsste den inhaltlichen Zusammenhang aufzeigen, welcher als statistische Korrelation unmöglich zu erbringen ist. Die Wissenschaft ist bis heute unfähig geblieben, auch nur erste Anhaltspunkte zu liefern, dass sich das sexuelle Begehren aus der Biologie ergibt. Menschliche Sexualität ist eine spezifisch gesellschaftliche Angelegenheit, daher ist es schlichtweg falsch, nach rein biologischen Determinanten oder Erklärungen zu suchen.

2. Die Natur liefert die materiellen Voraussetzungen von menschlicher Sexualität (Körper mit Nerven, Gehirn, Flüssigkeiten usw.), die jeweilige Gesellschaft die Bedingungen, unter denen sie stattfindet (in Form der politischen Herrschaft mit ihren Gesetzen und Verordnungen, aber auch als durchgesetzte Vorstellungen, Erwartungen und Sehnsüchte im menschlichen Miteinander, ebenso in Form von Wissen über Sexualität und in den Spielzeugen, Hilfs- und Anregungsmitteln). Die Inhalte und Formen des Sexuellen aber entstehen aus dem Denken und Fühlen der Einzelnen, die diese Voraussetzungen und Bedingungen interpretieren.

3. Das “Natur”-Argument halten viele für so einleuchtend, weil ihnen ihr eigenes sexuelles Begehren als etwas erscheint, das nicht einfach durch Beschluss zu ändern ist. Falls sich ihre sexuelle Orientierung im Laufe ihres Lebens dann doch einmal verändert, meinen sie in der neuen Form zumeist ihre ureigenste, zuvor unterdrückte, wahre sexuelle Identität zu entdecken. Gerade weil der moderne Mensch in Liebe und Sexualität sein wahres Wesen ausdrücken will und seine Identität darin findet zu sein, wer er ist (und nicht bestimmt von Mutter, Vater, Staat und Kapital), soll seine Sexualität und sein Verlieben eben auch ganz seins sein. Den langen Weg, den jedes bürgerliche Subjekt von seiner Geburt bis zur Entwicklung explizit sexueller Phantasien und Praktiken zurücklegt; die Fülle von Erfahrungen und Entscheidungen; all die sinnigen und unsinnigen Gedanken und Gefühle des Menschen zu ihrem Verlangen, den Objekten ihres Verlangens und deren Verhalten – all das erscheint so dem Menschen wie ein langer Weg zu sich selbst und ist rückblickend sinnvoll in die eigene Geschichte eingeordnet. Der Prozess erlischt im Resultat.

4. Politischen Anklang bei der Schwulenbewegung hat die sexuelle Vererbungslehre dadurch gefunden, dass sich damit gegen Therapie- und Bestrafungskonzepte kämpfen ließ – und alle fundamentalistischen Christenmenschen sich dann die Frage gefallen lassen müssen, warum der Herrgott die Schwulen und Lesben so geschaffen hat, wenn er sie denn hasst. Die Vorstellung der Sünde setzt eben den freien Willen voraus, gegen Gottes Gebote verstoßen zu können. Wenn Homosexualität vererbt ist, dann kann sie keine Sünde sein. Das Argument ist aber defensiv, oft hilflos, immer dumm und gefährlich und hat im schlimmsten Fall brutale Konsequenzen. Defensiv, weil die Homosexuellen als determinierte Tröpfe vorgestellt werden, die vielleicht ja anders wollen würden, wenn sie nur könnten – anstatt zu sagen, dass es Lust bereitet und auch keinen Schaden anrichtet. Hilflos, weil längst Ideologien entwickelt wurden, um den Widerspruch zwischen göttlicher Schöpfung und angeblich natürlicher Homosexualität zu überbrücken („besondere Prüfung“, „wir lieben Homosexuelle, aber hassen ihren sündigen Lebensstil“ etc.). Ein rechter Moralist wird sich von „schwulen“ Pinguinen nicht von seinem Hass auf Homos abbringen lassen. Dumm und gefährlich, weil es einem Biologismus das Wort redet, der alles von der Arbeitslosigkeit bis zum Zungenkuss aus der Abfolge von Aminosäuren erklärt, und damit von Menschen gemachte Verhältnisse zu unveränderlicher Natur (v)erklärt. Es hat im schlimmsten Fall brutale Konsequenzen, weil wenn Homosexualität als Übel betrachtet wird, das durch die Natur hervorgerufen wird, dies auch zur Konsequenz haben kann, alle Homosexuellen und sonstigen „Abweichler“ zu vernichten.

5. Die Menschen machen ihre Sexualität selbst – aber sie machen sie nicht aus freien Stücken: Sie können nicht einfach durch Beschluss auslöschen, was ihnen mit und ohne ihren Beschluss widerfahren ist und was sie aus ihren Erlebnissen gemacht haben. Weil die Psychoanalyse einmal versprochen hatte, genau solche Mechanismen aufzuzeigen und handhabbar zu machen, suchten viele Homosexuelle in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren „Heilung“ bei ihrem Therapeuten. Die Psychoanalyse hatte sich bezüglich der Homosexualität für Jahrzehnte zu einer reinen Hetero-Norm-Durchsetzungstherapie entwickelt. Dabei wurden die albernsten, widersprüchlichen psychologischen Theorien über familiäre Bedingtheit von Homosexualität hervorgebracht (mal waren die Mütter zu kalt, mal zu liebevoll, mal zu dominant, mal zu abwesend – mal waren die Väter zu kalt, mal zu liebevoll, mal zu dominant, mal zu abwesend). Heute ist die vorherrschende Meinung in der Psychologie, Homosexualität sei „multifaktoriell“ und sie gibt damit wenigstens zu Protokoll, dass sie auch keine Ahnung hat, woher die Homos denn nun kommen.

6. Was nicht weiter schlimm ist – die Frage nach dem Ursprung von Homosexualität ist nämlich meist blöd. Sie ist fast immer Auftakt zur Pathologisierung oder Verfolgung und macht letztlich Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender zur erklärenswerten Anomalie – anstatt zu fragen, woher denn das Konzept kommt, ausgerechnet an primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen eines Menschen festzumachen, ob er oder sie als Sexual- und Liebespartner_in in Betracht kommt. Denn auch wenn die Beschaffenheit des Körperbaus, die Körperbehaarung und das Vorhandensein eines Penis oder einer Vagina sexuell mehr oder weniger reizvoll sein können: a) Gibt das biologische Geschlecht zu sehr vielen dieser Fragen gerade mal eine Wahrscheinlichkeit an und ist b) die sexuelle Besetzung von körperlichen Attributen nicht unabhängig von den Gedanken und Vorstellungen, die man sich darüber macht. Im Übrigen gehen die gängigen Konzepte immer wieder davon aus, dass Liebe und sexuelle Anziehung eigentlich zusammenfallen sollen und müssen. Das ist aber gar nicht so.

7. Homo- und Heterosexualität sind zwei einander entgegengesetzte Konsequenzen aus dem herrschenden Geschlechterverhältnis, nämlich nur eins der beiden anerkannten Geschlechter zu begehren. Daran ist nichts logisch, aber auch nichts weiter verwerflich. Zwar bedeutet es erstmal, die Hälfte der Weltbevölkerung von vornherein nicht sexuell und amourös interessant finden zu wollen. Wäre das die einzige Folge der ganzen sexuellen Identitätshuberei, so würde man ebenso wie bei Menschen, die keinen Spinat mögen, die Schultern zucken und sich maximal wundern, warum Geschmäcker so verschieden sein können. Aber die Verhältnisse sind nicht so: Sexuelle Identität ist keineswegs nur ein verfestigtes Geschmacksurteil.

8. Nach wie vor sind nämlich Homo- und Heterosexualität Sortierungen, aus denen eine Menge Leid und Gewalt folgen. Wenn diese Identitätshuberei die Massen ergreift, wird sie selbst eine materielle Gewalt – auch gegen die, die sie nicht teilen. Die heterosexuelle Vorannahme verunsichert auch heute noch Homosexuelle in modernen westlichen Gesellschaften und zwar nicht erst, wenn Schwule und Lesben zusammengeschlagen werden. Jeder dritte Selbstmord bei Teenagern soll etwas mit Homosexualität zu tun haben; die permanente, gar nicht immer bös gemeinte oder absichtliche Zurückweisung und Ausgrenzung „Anders“liebender und -vögelnder bringt eine Fülle von Macken und Merkwürdigkeiten hervor, die an Trostlosigkeit, Selbstzerstörung und Selbstgefährdung mit den düstersten Auswüchsen des heterosexuellen Geschlechts- und Liebeslebens locker mithalten können.

9. Dazu kommen noch der direkte und deutliche Hass und Ekel der nicht-homosexuellen Welt, die jenseits der Hochglanzbroschüren der Gleichstellungsbeauftragten immer noch weit verbreitet sind. Männer und Frauen müssen auch in westlichen Staaten häufig um ihre Gesundheit fürchten, wenn sie als „schwul“ bzw. „lesbisch“ bezeichnet werden. Ekel wird beiden entgegengebracht – im Umgang mit lesbischen Frauen kommt noch stärker eine Ignoranz etwa in Form der Einordnung als vorübergehende Phase hinzu. „Schwul” ist bei Kindern und Jugendlichen erst einmal alles, was irgendwie doof ist und nicht funktioniert – und gilt als mit das Schlimmste, was einem Jungen überhaupt nachgesagt werden kann. Aber Schwul-Sein ist mehr als nur „doof”: Das Schlimmste an der männlichen Homosexualität scheint immer noch zu sein, dass sich dort Männer ficken lassen und Spaß dran haben. Und „gefickt zu werden”, das ist eben das Aufgeben der Herrschaftsposition, das ist zum-Objekt-werden. Daran Spaß zu haben und nicht der coole, kontrollierte und kontrollierende Mann zu sein, das widerspricht dem saublöden Männlichkeitsideal nicht nur der meisten männlich sozialisierten Menschen. Diesem Ideal zu entsprechen erfordert einiges an Durchhaltevermögen und Opferbereitschaft – und diejenigen, die damit brechen, werden als Bedrohung empfunden – weshalb Schwule von der blöden Anmache bis zum Zusammengeschlagen werden einiges durchzumachen haben. Dieses Ideal ist weiterhin die traditionelle, aber nicht aus der Mode gekommene Fassung des erfolgreichen bürgerlichen Konkurrenzsubjekts, das sich weder von Gefühlen noch von seiner Lust beherrschen lässt, verbunden mit der falschen Vorstellung, die richtige Haltung sei eine Erfolgsgarantie.
„Lesbisch“ als Schimpfwort wird zwar nicht als Synonym für „scheiße“ gebraucht, doch z.B. in der Schule als „Lesbe“ verschrien zu sein, ist beleidigend gemeint und isoliert die Person in der Regel. Händchenhalten unter Mädchen wird zwar in westlichen Ländern anders betrachtet als unter Jungs. Aber werden aus „spielenden Mädchen“ irgendwann „Lesben“, trifft sie ebenfalls körperliche Gewalt und auf jeden Fall eine Menge Verachtung. Diese Ablehnung hängt – entsprechend des Geschlechterbilds – auch damit zusammen, dass einerseits sich in den Augen der Macker lesbische Frauen der männlichen Verfügungsgewalt als Sexualobjekte entziehen, andererseits damit, dass lesbische Frauen ihre Funktion und Rolle als Frau und Mutter ganz prinzipiell nicht erfüllen, die in den Augen eines Großteils der Gesellschaft ihre eigentliche Aufgabe wäre.

10.  Unbestritten ist das Leben von Schwulen und Lesben in westlichen Staaten heute sehr viel einfacher als noch vor ein paar Jahren. Nachdem dort Ende der 1960er Jahre die Regulierung der Sexualität ihrer Bürger nicht aufgegeben, aber nach neuen Prinzipien gestaltet haben, hat die polizeiliche Überwachung und Verfolgung der – männlichen – Homosexualität stark abgenommen bzw. aufgehört. Dadurch wurde erst eine schwule Subkultur ermöglicht, die noch ganz davon lebte, ein Gegenentwurf zu den sexualmoralischen Vorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft zu sein, welcher ein Maß an Befreiung ermöglichte, von dem Veteranen noch heute sehnsuchtsvoll berichten. Sie war aber zugleich eine Illustration der Tatsache, wie sehr auch die Aufstände und Übertretungen noch den Konventionen gehorchen, gegen die sie sich subjektiv richten: Denn das in den 1970ern entworfene Modell des Homosexuellen nahm immer wieder Bezug auf die Klischees der bürgerlichen Gesellschaft. Genau diese Subkulturen wurden in West- und Nordeuropa, Kanada, Australien, Neuseeland nach dem Auftauchen von AIDS ein wichtiger Juniorpartner des Staates beim Kampf um die Volksgesundheit und zugleich auch zum Transmissionsriemen bürgerlicher Normen in den Rest der schwulen Szene hinein. Heute sind die verbliebenen Schwulenorganisationen weit entfernt von jeglicher Kritik an der Gesellschaft, um deren vollständige Anerkennung ihrer Liebes- und Lebensweisen sie so hartnäckig kämpfen. Die lesbische Subkultur hat sich dagegen im Rahmen der feministischen Bewegung entwickelt und ist so angepasst und unangepasst wie diese. Da das Sexuelle in der lesbischen Bewegung nicht derartig im Vordergrund steht, ist sie weniger Adressat sexualpädagogischer Bemühungen des Staates und seines Gesundheitssystems.

11.  Weltweit ist zum Optimismus in Sachen Emanzipation kaum Anlass vorhanden. In vielen, nicht nur islamischen  Staaten wird homosexuelle Emanzipation als Zersetzung und Zerstörung der Nation gesehen – und entsprechend Homosexuelle als Gefahr behandelt, verfolgt und bestraft. Diese Regimes haben materiell ihren Bürgern nichts zu bieten, oft nicht mal die schäbige Möglichkeit, sich für fremden Reichtum den Buckel krummzuschuften. Entsprechend scharf sind diese Nationen auf den Idealismus ihrer Staatsbürger und bekämpfen den westlichen „Individualismus”; das heißt das freche Märchen, im Kapitalismus gehe es dauernd nur um das Streben nach individuellem Glück, wird als Bedrohung der Aufopferung für Staat und Glauben gegeißelt. Die Schwulen – weniger die Lesben – werden heute als Repräsentanten dieses Modells verfolgt: Zerstörer der traditionellen Werte, Familien- , Ehe- und Nachwuchsverweigerer, Schwächer der männlichen Kampfkraft für Nation und/oder Umma.

12.  In vielen Ex-Kolonien wird Homosexualität als Produkt des Kolonialismus dargestellt. Homosexuelles Verhalten lässt sich in diesen Gesellschaften aber fast immer auch schon vor der europäischen Kolonialisierung nachweisen, z.T. besungen und gepriesen, z.T. auch einfach als selbstverständliche Durchgangsphase vor allem männlicher Sexualität verschwiegen. Die (dortigen) Schwulen haben das Pech, als Symbol für koloniales Erbe, westliche Dekadenz und vor allem fehlende männliche Pflichterfüllung herhalten zu müssen. Alle eklige Scheiße, die die europäischen Nationen bereits im 19. Jahrhundert an, mit, durch und gegen ihre(r) Bevölkerung durchgezogen haben, spielen die Verlierernationen der ganzen Welt jetzt noch einmal durch. Und im Gegensatz zur gelungenen Kapitalakkumulation, die sie nicht hinkriegen und in der Masse auch gar nicht hinkriegen können, brauchen sie bei der moralischen Volksertüchtigung nicht zu befürchten, in der Konkurrenz zu unterliegen – höchstens, dass die imperialistischen Länder hin und wieder ihren Unwillen über mangelnde Botmäßigkeit in Form von Beschwerden über Menschenrechtsverletzungen kleiden. Und dabei haben auch Länder, die vor 30 Jahren selber noch Schwule in den Knast gesteckt haben, die Homofrage als imperialistischen Einmischungstitel entdeckt.

13.  Auch innenpolitisch werden Fragen der „Integration“ von Migranten nun des Öfteren mit der Homofrage verbunden. Ein Rassist, der sonst nicht weniger interessiert sein könnte an Homophobie und hier und da auch mal selbst einen Spruch gegen Schwule macht, fühlt sich nun bemüßigt, Homophobie auf einmal an allen möglichen Ecken und Enden auszumachen – aber ausschließlich in der migrantischen Community. Das verweist auf das Problem jeglicher Identitätspolitik, die bloß fordert, die jeweilige Gruppe nicht mehr aus der Nation auszuklammern.

Gruppe „Kritik im Handgemenge“ Bremen

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